gesachtes vom 05.01.2006

Endlich arbeitslos

Paul Lafargue
Nein, es betrifft mich nicht direkt. Ich hatte immer genug Arbeit und ich habe genug Arbeit – sogar welche, für die man mich bezahlt. Es betrifft mich indirekt. Ja, ich kenne Arbeitslose; manche davon sind schon sehr lange arbeitslos. Einige sind ganz glücklich mit ihrer Arbeitslosigkeit, andere nicht. Die Unglücklichen unter den Arbeitslosen, die ich kenne, sind zum größten Teil unglücklich, weil sie so wenig Geld haben. Einige leiden darunter, dass Menschen mit Arbeitsplätzen sich mehr leisten können. Manchen geht es aber auch dreckig, weil sie keine sinnvolle Aufgabe haben, mit der sie die Zeit füllen können.
Arbeitslosigkeit hat also zwei Dimensionen: Arbeit und Geld. Blöderweise wird in der endlosen Debatte um die Arbeitslosigkeit der Begriff ‘Arbeit’ nur selten ausdifferenziert. Dabei gilt es, den Schwiersohn vom ollen Kalle Marx wiederzuentdecken: Paul Lafargue schrieb 1883 über das “Das Recht auf Faulheit“. In diesem Essay weist er nach, dass Arbeit als Wert nichts anderes ist als ein Hebel, mit dem die Bourgoisie den Arbeiter ans Malochen kriegt. Arbeit an und für sich ist nicht positiv. Die bäuerliche Arbeit war und ist eine Zwangsarbeit unter der Diktatur der Natur. Die Handwerksarbeit ist dann schon Fron, weil sie verrichtet wird, um Geld einzunehmen. Arbeit im eigentlichen Sinne ist frei. Es ist die sinnvolle Betätigung des Menschen, das Schöpfen und Verändern. Joseph Beuys hat sich mit dem Begriff ‘Arbeit’ befasst und sagte einmal: “Es ist falsch anzunehmen, dass es zu wenig Arbeit gibt. Im Gegenteil: Es gibt mehr als genug Arbeit im schöpferischen und sozialen Bereich.” Nur wird diese nicht monetär vergütet, ist anzufügen.

Auch die Arbeit im Beuys’schen Sinne ist frei. Sie wird freiwillig verrichtet, weil sich der Mensch durch seine Arbeit erst zum Menschen entwickelt. Sprechen wir also nicht mehr von Arbeitslosigkeit sondern von Lohnarbeitslosigkeit. Wer keinen Lohn für seine Arbeit bekommt, ist lohnarbeitslos. Leider widerspricht das der seit dem Beginn der industriellen Revolution andauernden Gehirnwäsche. Sie hat den lohnarbeitsfähigen Menschen eingeredet, dass es sich nicht lohnt, ohne Lohn zu arbeiten. Deshalb wissen viele Lohnarbeitslose nichts mit ihrer Lebenszeit anzufangen – sie hängen rum. Indem aber das Kapital diese Annahme infiltriert hat, hat sie sich auch zum Herrscher über die Arbeit aufgeschwungen – Arbeit ist nur, wenn das Kapital Lohn zahlt.

In den hedonistischen Jahrzehnten zu Ende des zwanzigsten Jahrhunderts drehte sich der Wind: Jetzt sollte Arbeit auch noch Spaß machen. Bock zu haben oder nicht war Auswahlkriterium Nummer Eins bei der Wahl der Arbeit. Im Sinne von Lafargue und Beuys eigentlich ein guter Ansatz, wäre nicht gleichzeitig der Anspruch auf hohe Einkommen geblieben. Nur wenige Menschen waren und sind tatsächlich bereit, ein deutlich niederigers Einkommen zu akzeptieren, um Arbeit zu leisten, die ihnen Spaß macht.
Bleibt noch derjenige übrig, der nicht arbeiten mag – weder für Lohn noch zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Das ist der Mensch, der einfach nur sein will. Er ist derjenige, der sich das Recht auf Faulheit nimmt. Ein solcher Mensch kann niemals arbeitslos werden, denn er war nie ein arbeitender Mensch.

Wie kann man die verschiedenen Bedürfnisse der Menschen in Bezug auf Arbeit und Lohn in Einklang bringen? Ein viel diskutierter Weg führt über das so genannte “bedingungslose Grundeinkommen“, also eine staatliche Alimentierung der Bürger, die an keine Bedingung gebunden ist. Jeder Staatsbürger bekommt dieses Grundeinkommen. Wer sich also entscheidet, keine Lohnarbeit zu leisten, der würde dieses Grundeinkommen beziehen, das einen minimalen, aber würdigen Lebensstandard ermöglicht. Wer aus physischen und/oder psychischen Gründen nicht in der Lage ist, Lohnarbeit zu leisten, ist finanziell dauerhaft abgesichert. Wer sich dazu entscheidet, ausschließlich sozial und/oder schöpferisch zu arbeiten, also an der Verzinsung von Kapital nicht mitzuwirken bereit ist, hat ein Einkommen. So würde alle notwendige Arbeit verrichtet, so wären alle Menschen ausreichend versorgt und müssten dem Staat nicht Rechenschaft über ihr persönliches Verhältnis zur Lohnarbeit geben. Wem Geld wichtig ist, kann das Grundeinkommen durch Lohnarbeit aufstocken. Jeder könnte nach seiner Fasson selig werden.

Utopie ist machbar, Frau Nachbar!


[ von Rainersacht um 11:01 in diewelt ] [ 0753 x gelesen ] [ es wurde 5x was dazu gesacht ] [  ]

es wurde 5x was dazu gesacht

  1. Ja ich sehe das auch so. Eine Staatliche Grundversorgung für alle und dann selber nach gusto sich etwas dazu verdienen. Heißa das würde mir spaß machen, nur Lohnarbeit verrichten wenn ich eine Anschaffung tätigen muß. Boah geil ich wäre dabei.

    nich er-shreken

    [ gesachtes von Shrek am 05.01.2006 um 13:03  ]

  2. Ne, ne, mein lieber SO ist das nicht gemeint! Lohnarbeit ist schon als kontinuierliche Arbeit gemeint, also mit Pflichten und Verantwortung.

    Und außerdem würden wir über ein Monatseinkommen von 500 ~ 600 € reden, also sehr, sehr wenig. Xbox, DSL und Kneipe sind dann eher nicht drin…

    [ gesachtes von Rainersacht am 05.01.2006 um 13:46  ]

  3. Eine sehr überzeugende Beschreibung dieser Idee habe ich in Zygmunt Baumanns Buch „Die Krise der Politik“ (diese Angebe fehlt irgendwie auf der verlinkten Seite) gelesen. Kann leider keine Seite angeben, da ich es in der Bib. ausgeliehen hatte.

    Ich brauche vielleicht Hilfe, aber wenn Harz IV €350 plus Miete ist, dann kommen die Empfäner aber locker auf €600 für die Grundsicherung. Haben wir dann schon diesen Zustand in diesem, unserem Lande? Ich weiss, dass dieses Geld aufhört zu fliessen, wenn man Arbeit (oder Lohnarbeit) gefunden hat und will nur andeuten, dass ich denke für eine ordentliche und ernst genommene Existenzsicherung müssen sicherlich €1000 veranschlagt werden.

    [ gesachtes von frani am 05.01.2006 um 21:24  ]

  4. Ein ähnliches Modell hat auch DM-Gründer Götz Werner zusammen mit dem Steuerexperten Benediktus Hardorp entwickelt. Dies sieht u.a. ein flexibles Grundeinkommen von durchschnittlich 1.200 € vor. Extremer noch der völlige Wegfall von Steuern.

    Mehr dazu unter

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,386396,00.html

    [ gesachtes von Jürgen am 07.01.2006 um 13:40  ]

  5. [...] Es gibt kein Mittel dagegen. Wer etwas anderes behauptet (wie das Gros der Politiker), lügt die Menschen an. Wirtschaftswachstum im globalisierten Turbokapitalismus bringt in den reichen Ländern keinen einzigen neuen Arbeitsplatz. Eine Verringerung der so genannten Lohnnebenkosten bringt keinen einzigen neuen Job, sondern sichert schwache Jobs für kurze Zeit. Mehr Menschen eine sinnvolle Arbeit zu verschaffen, geht nur, wenn die vorhandene Arbeit auf mehr Menschen verteilt wird – sprich: Verkürzung von Wochen- und Lebensarbeitszeit. Bedingung dafür, dass arbeitende Menschen dann auch den gerechten Lohn für ihre Arbeit bekommen, ist eine grundlegende Umverteilung: erstens durch Abgaben auf Kapitalerträge, die zur Grundversorgung herangezogen werden und dadurch, das bei gleichbleibenden Löhnen und Gehältern entsprechend der Arbeitszeitverkürzung weniger verdient wird. Dies ist zusätzlich durch die Förderung aller Formen von Teilzeitarbeit (nicht nur der stellenbezogen Arten, sondern auch Maßnahmen wie ‘Sabbatical’, freiwillige Frühverrentung etc.) zu erreichen. Den Sockel muss aber das so genannte “bedingungslose Grundeinkommen” bilden. [ von Rainersacht um 12:56 in diewelt ] [  ] [ ⇑ ] « Kölner kriegen auf die Mütze   [...]

    [ pingback von Rainer sacht » Lesen, schreiben, arbeitslos am 30.01.2006 um 12:58  ]

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