gesachtes vom 25.01.2006

Fußball hat gewonnen!

Pauli-Fans
Der FC St.Pauli schlägt Werder Bremen im Halbfinale des DFB-Pokals 2005/06 mit 3:1 und zieht ins Halbfinale ein. Das Spiel fand im Millerntor-Stadion auf St. Pauli statt. Nachdem der Rasen vom Wetter arg mitgenommen war, begutachtete die Platzkommission den Boden dreimal und entschied um 16:30, dass die Begegnung stattfinden konnte. Danach schneite es. Es gab also einen in der tiefe gefrorenen Acker mit einer seifig-eisigen Schicht und einer dünnen Schneedecke. Die Werder-Verantwortlichen versuchten bis zuletzt, zu erreichen, dass das Spiel abgesagt werden sollte.
Vor Spielbeginn ließ jemand im Fernsehen die Bemerkung fallen, dass Fußball ja schließlich keine Hallensportart sei. Eine entscheidende Anmerkung, wie ich finde. Fußball ist draußen bei Wind und Wetter. Fußball ist nicht auf beheiztem Rasen in der beheizten Arena unter geschlossenem Dach. Das ist ein anderer Sport.

Die Mannschaft von Pauli hat die Gunst der Stunde genutzt. Ihr ziemlich uninspiriertes Kick’n'Rush, dass sie sonst auch spielen, war unter diesen Bedingungen dem modernen, filigranen Spiel der Bremer überlegen. In der Halbzeit regte sich Werder-Manager Klaus Allofs darüber auf, dass das Spiel angepfiffen wurde. Zumal sich Miroslav Klose in einer Szene die Schulter auskugelte. Allerdings – das wird jeder, der schon einmal Fußball gespielt hat – ist diese Verletzung nicht auf den miesen Rasen zurückzuführen; das hätte bei jedem anderen Spiel auch passieren können. Nach dem Spiel verscherzte sich Werder-Trainer Thomas Schaaf viele Sympathien, weil er sich praktisch weigerte über das Spiel zu sprechen – dies mit der Begründung, es hätte abgesagt werden müssen. Es sei unverantwortlich, die Spieler diesem hohen Verletzungsrisiko auszusetzen. Blödsinn! Hätte er Recht, hätte es zu mehr Verletzungen kommen müssen; tatsächlich waren es weniger als in den anderen Pokalspielen.
Paul hat verdient gewonnen, weil sie sich von Anfang an auf die Bedingungen eingelassen haben. Und – wie gesagt – weil das “System” der Mannschaft (die, mal ganz ehrlich gesagt, gerade auf Drittliganiveau spielt…) den schlechten Platzverhältnissen angepasst war.

Was an diesem heftigen Konflikt aber deutlich wird, ist, dass der Fußball inzwischen in zwei miteinander nicht verbundene Formen zerfallen ist. Hier der Fußball auffem Platz, dort das Event in der Arena. Hier der Kampf, dort die Kunst. Hier die Truppe, dort die Zweckgemeinschaft. Hier die Fans, dort die VIPs.
An dieser Stelle möchte ich ganz ausdrücklich großen Respekt den Ultras des FC Bayern München zollen. Sie sind trotz der radikalen Kommerzialisierung rund um ihren Verein immer noch wahre Fußballfans. Bei der Übertragung des Spiels gegen Mainz, das der FCB leider gewann, wurde öfters die Ultras-Kurve gezeigt. Dort zu sehen war ein Antirassismus-Transparent zu sehen und eines mit der unter Ultras unwidersprochenen Parole “Gegen den modernen Fußball”. Der FC St.Pauli steht (ähnlich wie der SC Freiburg und leider nicht im Ganzen Fortuna Düsseldorf) für einen Fußballsport, der nicht modern ist und sich nicht (ganz) vereinnahmen lässt. Dafür sorgen immer nur die Fans.

Mit den Einnahmen aus den Pokalsiegen wird sich der FC St.Pauli weitesgehend entschulden können. Das ist schön. Wenn man aber von den Plänen hört, ein neues Stadion am Millerntor zu bauen, kann einem Angst und Bange werden. Die verf***te LTU-Arena in Düsselsorf zeigt, dass die echte Stimmung in diesen modernen Stadien und Arenen nicht mehr aufkommt. Und dann stirbt der Kult. Dann stirbt der Fußball.


[ von Rainersacht um 23:55 in fussball ] [ 0445 x gelesen ] [ dazugesachtes nicht möglich ] [  ]

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