gesachtes vom 27.07.2006

J.M. Coetzee: Schande

J.M. Coetzee - Schande
In der fünften oder sechsten Klasse – damals hieß das auf dem Gymnasium noch Sexta und Quinta – gab es eine Art fächerübergreifenden Projektunterricht zum Thema “Südafrika”. Das war im Jahr 1963 oder 1964. Wir besorgten uns Broschüren über die südafrikanische Botschaft in Bonn und Prospekte aus den Reisebüros. Da es noch keine Fotokopierer gab, schrieben wir Absätze aus Büchern ab oder pausten Abbildungen ab. Eines Tages blieb ich mit einem Klassenkameraden im Klassenraum, weil wir Tafeldienst hatten. An der Tafel stand lapidar das Wort “Apartheid”, ohne dass wir darüber wirklich gesprochen hatten. Herein kam einer der berüchtigsten Lehrer der Schule: Herr Posner, ein berüchtigter Schläger, denn damals bekam man als Schüler noch Prügel von Lehrern. Er las das Wort und fragte, ob er wüßten, was das bedeute. Wir schüttelten den Kopf. Er war Englischlehrer und sagte: Es bedeutet, dass die Negern von den Weisen abseits, also “apart” leben würden. Dabei nahm er mich an den Ellbogen und nahm mich ein Stück beiseite.
Seit jenen Tagen haben mich Südafrika und das Thema Appartheid immer interessiert. Mir kam es schon bei der Erklärung dieses Lehrers falsch vor, dass die Bewohner eines Landes nach der Hautfarbe getrennt würden. Als ich wie viele Altersgenossen 1967, 68 politisiert wurde, konnte ich auch die Frage der Rassentrennung in Südafrika, aber auch in den USA politisch betrachten. Und das Konzert für Nelson Mandela im Jahr 1985 sowie das Ende der Apartheid verfolgte ich mit großer emotionaler Beteiligung.

John M. Coetzee ist Bürger Südafrikas und erhielt im Jahr 2003 den Literaturnobelpreis. Als dies bekannt wurde, ging ein Sturm der Entrüstung durch literarische Kreise, die jede Form von Politik aus der Literatur heraushalten wollen. Dabei hat Coetzee diesen Preis meiner Ansicht nach nicht deswegen verdient, weil er als Südafrikaner gegen die Apartheid geschrieben hat, sondern weil er einfach ein großartiger Schriftsteller ist. Sein lapidarer Erzählstil, der tatsächlich einem weißen Südafrikaner angemessen erscheint, ist eine mögliche Sprache das Landes, das die Apartheid abgeschafft, die Rassentrennung aber nicht überwunden hat.

“Schande” spielt in den Jahren nach dem Ende der Apartheid. Ein Literaturprofessor Mitte Fünfzig lebt seine Sexualität mit einer Nutte aus und geht, nachdem diese ihn nicht mehr bedienen will, eine Affäre mit einer Studentin aus. Die Sache fliegt auf, er wird entlassen. Seine Tochter, von der er annimmt, sie sei lesbisch, lebt auf einer Farm in der Provinz Ostkap. Ein Afrikaner lebt auf ihrem Grundstück und arbeitet für sie. Sie betreibt Gartenbau und eine Hundepension. Der Professor flüchtet zu ihr, aber Vater und Tochter verstehen sich nicht. Eines Tages überfallen drei Schwarze die Farm, rauben sie aus, stehlen das Auto und vergewaltigen die Tochter. Später stellt sich heraus, dass der Mann, der ihr zuarbeitet, einen der Täter kennt und sogar beherbergt. Der Vater ist empört und will die Polizei rufen. Sie hält ihn davon ab. Dann gesteht sie, dass sie von den Vergewaltigern geschwängert wurde, das Kind aber haben wolle. Der Mann rastet aus. Sie kann ihm nicht verständlich machen, dass der Überfall ein Akt der Unterwerfung war, dass sie ein Symbol dafür war, dass die Schwarzen sich das Land zurück holen. Als schließlich ihr ehemaliger Mitarbeiter anbietet, sie zu heiraten und so in seine Familie aufzunehmen und zu schützen, wendet sich der Vater von seiner Tochter ab.

Das erzählt Coetzee kühl und doch beteiligt, objektiv und doch parteiisch. Ein schlimmer Roman aus einem Land mit einer schlimmen Vergangenheit und einer immer noch schlimmen Gegenwart.


[ von Rainersacht um 22:08 in literatüren ] [ 0616 x gelesen ] [ dazugesachtes nicht möglich ] [  ]

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