gesachtes vom 19.09.2006

Ungarn: Nazi-Hools proben den Aufstand

Krawall in Budapest
“Das Land ist heute neben Deutschland eine Hochburg rechtsradikalen Wirkens in Mitteleuropa. Dort werden Waffen und illegales Propagandamaterial international gehandelt, es werden Neonazikonzerte, Hundekämpfe und Wehrsportcamps abgehalten. Die wichtigste politisch anerkannte und zugelassene rechtsextremistische Partei ist die MIÉP (Partei für ungarische Gerechtigkeit und Leben), die von 1998 bis 2002 im Parlament vertreten war.”
(Quelle: Wikipedia)

Geile Bilder! Straßenschlacht in Budapest! Auslöser sind Tonbandaufnahmen einer Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány vor Parteifreunden, in denen er angibt, die Wähler belogen zu haben. Jeder, der im Herzen linksradikal geblieben ist (und dem bei Bildern von Berliner Maifestspielen einer abgeht…), empfindet klammheimliche Freude angesichts der spektakulären Fotos von gestern Nacht, die Reuters in die Welt geschossen hat. Andere, denen die Macht der Straße schon deshalb eibn Gräuel ist, weil sie sich gegen sie und ihresgleichen wenden könnte, sind entsetzt. Wobei das Entsetzen, weil es von weit weg herkommt, ein wohliges ist.
Wie immer lohnt es sich aber, hinter die Bilder zu schauen.

Wer ist dieser Ministerpräsident? Gyurcsány ist einer der reichsten Männer Ungarns, aber Mitglied der MSZP, der Sozialistischen Partei Ungarns. Man kann Gyurcsány mit Fug und Recht als Wendegewinner bezeichnen, der nach dem Ende der sozialistischen Herrschaft in Ungarn auf nicht ganz nachvollziehbare Weise zum Multimillionär und Großgrundbesitzer wurde – vermutlich auf die Weise, die typisch für die Korruption im Ungarn der Kadar-Ära war. So wie die “Wende” Gewinner hervorbrachte, erzeugte sie auch Verlierer. Diese (und damit ähneln sich Vorgänge in Ungarn und in den Neuen Bundesländern) wandten sich zu großen Teilen dem Nationalismus zu. Der hat in Ungarn eine lange Tradition, die als Gegenreaktion auf die Unterdrückung während der Zeit der Donauchmonarchie zu verstehen ist.

Heute ist Ungarn eines der europäischen Länder mit dem größten Potential an rechtsradikaler Gewalt. Diese sammelt sich einerseits in der MIÉP (Partei für ungarische Gerechtigkeit und Leben) und andererseits im Fußballumfeld. Bei Spielen der ersten ungarischen Liga kommt es immer wieder zu Massenschlägereien der Hooligans der verschiedenen Mannschaften. Ähnlich wie bei Fußballvereinen im Osten Deutschlands sind antisemitische und rassistische Sprechchöre an der Tagesordnung. Die ungarischen Neofaschisten stehen in enger Verbindung zu den deutschen Neonazis. In Ungarn können sich deutsche Rechtsradikale mit allem versorgen, was das Faschistenherz begehrt: Bücher, Flaggen, Abzeichen, Waffen, Tätowierungen, Kampfhunde etc. Viele so genannte “freie Kameradschaften” machen Urlaub in Ungarn und veranstalten Treffen mit ungarischen Brüdern und Schwestern im Geist, bei denen dann Nazi-Bands auftreten und Titel spielen, die hierzulande auf dem Index stehen. Ähnlich wie der Neofaschismus in Deutschland ist der in Ungarn vom Gedankengut von Blood&Honour und White Power geprägt – die Basis ist der Glaube an die Überlegenheit der “weißen Rasse” und die Ansicht, dieses “weiße Rasse” sei vom Aussterben bedroht. Der Antisemitismus spielt in dieser Ideologie eher eine Nebenrolle, denn diese neuen europäischen Faschisten wollen nicht nur eine “Endlösung der Judenfrage”, sondern die Vertreibung aller nicht-weißen Ethnien aus Europa.

Wenn man sich die Bilder von den Budapester Krawallen anschaut, sind auf den ersten Blick die typischen Insignien der rechtsradikalen Hools (Kapuzenpullis der einschlägigen Marken, Glatze oder weißblond gefärbtes Haar etc) zu erkennen. Selbst BILD.de berichtet entsprechend:

“Zum Chaos kam es, als sich eine Gruppe gewaltbereiter Regierungsgegner, darunter Rechtsextremisten und Hooligans, aus einer Demo vor dem nahe gelegenen Parlament löste und vor das Sendezentrum zog.”
(Quelle: BILD.de)

Da sich beinahe alle Medienberichte auf das beziehen, was die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, ist unklar, ob die Demonstration von Nazis organisiert war oder ob die Faschisten nur die Gunst der Stunde nutzten. Der Angriff auf das Sendegebäude des ungarischen Fernsehsenders MTV wurde aber offensichtlich von rechtsradikalen Hools gestartet.

Der Vorgang kann Angst machen, denn die Strukturen, die zu den Krawallen führten, existieren im Osten Deutschlands auch. Man stelle sich vor, es würde ein Tonband veröffentlicht, auf dem der MeckPomm-Präsi Ringstorff erklärt, er habe die Wähler nach Strich und Faden belogen. Was dann? Krawalle in Schwerin?

(Foto: reuters via SpON)


[ von Rainersacht um 11:02 in diewelt ] [ 02660 x gelesen ] [ dazugesachtes nicht möglich ] [  ]

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