gesachtes vom 12.10.2006

Der Mann, der Feind?

Auch ein Mann
“Die Frage stellt sich eher so: ob sich der Mann um die Lust der Frau kümmert oder nicht. Wenn ja, gut, wenn nicht, schlecht. Doch andersrum wird die Frage nie gestellt. Ich hab’ noch nie gehört: ‘Und, wie ist es für dich?’ oder wenn ja, dann total selten.”
(Quelle: ARTE – Themenabend “Orgasmus”)

Eigentlich könnte man sich mal wieder über die Arschlöcher aufregen, bisschen Testosteron aufbauen und schimpfen, drohen, fluchen, kämpfen. Ach, denk ich dieser Tage, was soll’s? Die Dr. Ficks und Steinhöfels sind es doch gar nicht wert. Ganz arme Würstchen sind solche Typen. Genau wie: Schlechte Gitarristen, Therapisten, Despoten und ähnliche impotente Wichser. Upps, schon sind wir beim Thema.

Mann beschimpft Mann gern als Wichser. Einen Kerl damit zu beschimpfen, dass man ihm unterstellt, bevorzugt an sich sebst herumzuspielen um so etwas wie Befriedigung zu erzielen, ist ja nur die Spitze(sic!) eines ganzen Bedeutungsgebirges. Mann respektiert Mann, der mit anderen Menschen regelmäßig geschlechtlich verkehrt. Tut er das mehrheitlich mit Männer, ist er eine Schwuchtel und damit nicht satisfaktionsfähig. Als Mann gilt, wer mit Frauen vögelt. Eine Stufe unter dem Wichser rangiert der impotente Mann, der nicht einmal wichsen kann.
Diese Beurteilung ist wiederum der Ausdruck dafür, dass Männer die Ejakulation als Leistung ansehen, als Ergebnis einer Arbeit. Im Fall des Geschlechtsverkehrs ist das Werkstück die Frau. Okay, das alles ist ziemlich Oldschool und gerade im vorderasiatischen, im mediterranen Raum und ähnlich rigiden Gegenden Ausgangspunkt für Blödsinn wie Jungfräulichkeitskult (Ey, deine Schawesta!), Ehrenhändel, Blutrache und alles, was keinen Spaß macht.
Wir hier in Mitteleuropa sollten weiter sein und Sexualität nicht mehr nur als Folie für neolithische Verhaltensweisen nehmen. Trotzdem steckt sie in uns Männern drin, der Jahrhunderte alte Drill, das Bild vom Penis als Waffe und Werkzeug, den man worein steckt, mit dem stößt und reibt und dann den flüssigen Erfolg präsentiert.

Die Frauenbewegung hat uns nicht wirklich weitergebracht, sondern eher einen klassischen Double Bind erzeugt. Gut, Frauen sind auch Menschen. Haben wir nicht nur auswendig gelernt, sondern verstanden und akzeptiert. Ja doch, jede Frau hat das Recht auf ihre eigene Sexualität (Passauf, Alda, auch dein Schawesta und dein Mudda, weissu!!!), ist doch klar.
Aber da ist dann auch gleich das schlechte Gewissen mit gezüchtet worden. Vom Macho zum Softie in zweieinhalb Jahren. Und das in dem Alter (25 +/- 5), in dem Mann seine Schwanzmacht normalerweise aufbaut. Nun mussten wir nett sein und sanft, auch wenn uns das Testosteron bis unter den Kiemen stand und wir – weil wir das Arschloch nicht einfach umhauen durften – uns am liebsten den Frust und die Wut durch hartes, schnelles Ficken aus dem Leib gedrückt hätten. Nein, bisschen Maschase, Kerzen, Räucherstäbchen (kotz!), Tee (..ist to-tal unerotisch!), Cat Schtiewens, Joint etc pp – alles, damit die Olle sich auf den Rücken legt und Mann endlich machen lässt. Haute das hin, war a) toll und b) ein schlechtes Gewissen erzeugend.

Wir Männer der Jahrgänge 1950 bis 1960 haben das alles dermaßen – wie sacht Sozjeloge? – INTERNALISIERT, dass jeder Quickie, selbst mit einer quickie-willigen Dame, massivste Gewissensbisse erzeugen kann, dass jeder GV, der ohne weiblichen Orgasmus endet, eine Niederlage bedeutet, dass wir beim Sex fast immer enorm unter Leistungsdruck stehen und vor allem: dass wir ständig verbergen müssen, dass Ficken fast immer und zumindest in Phasen der Fickerei auch das Bekämpfen der Arschlöcher da draußen ist, und dass das Abspritzen ein Sieg ist. Das dürfen die Frauen nicht wissen.

Der o.a. ARTE-Themenabend bestand aus zwei Dokumentationen und einer Gesprächsrunde (die ich mir geschenkt habe – von Franzosen moderierte Diskussionen sind definitiv unerträglich). Doku A drehte sich um den weiblichen, Doku B um den männlichen Orgasmus. Doku A begann mit einer wild stöhnenden Frau erheblicher erotische Ausstrahlung, und das wir mir dann allein auf dem Sofa sitzend doch ein wenig zu dolle. Also zappte ich nur noch zweimal in diesen Beitrag. Einmal erwischte sich zwei Mädels bei der Diskussion über – yes, you guessed – PENIS DIMENSIONS. Uaaah! Aufhörn! Liebe Frauen, ihr sollt darüber nicht öffentlich reden! Ihr bringt doch nur wieder die ganzen Spätpubbis zwischen 14 und 26 dazu, ihren Schwanz zu messen, zu fotografieren, beides im Internet abzulegen mit der Frage “Wie findet ihr meinen Dödel?”. Dabei gibt es nicht einmal ein offizielles, ein amtliches Messverfahren! Und meiner ist auch nur 13,5 Zentimeter lang im voll erigierten Zustand. Das ist zu wenig, denn der Durchschnitt liegt ja bei 14 Zentimeter. Und außerdem ist die Dicke wichtiger. Genau das sagte eine der beiden Frauen, die darüber sprachen, welche Ausmaße ihnen Spaß machen. Und zu lang ist nicht so angenehm. Ha, da habt ihr’s, ihr Aufschneider, ihr Porschepenisse von 18, 20, 23 oder gar 27 Zentimetern Länge! Kannste dir nix für kaufen, Bubi.

Die Männer in Doku B haben mir imponiert. Sie waren allerdings auch ein bisschen unvorsichtig, allerhand Geheimnisse auszuplaudern. Wobei: Dass nicht jede Ejakulation von einem Orgasmus begleitet wird und umgekehrt, sollte die aufgeklärte Frau von heute schon wissen. Es ist ja überhaupt das Bild der Emanzen von den Typen, dass das Missverständnis über die männliche Sexualität prägt. Beziehungsweise auch das biografische Unheil, das automatisch entsteht, wenn SIE (Anfang Zwanzig, noch nicht so richtig drin im eigenen Körper und der eigenen Sexualität) auf IHN trifft, der noch volle Kanne in der Schwanzarbeiteriege vor sich hin werkelt; der Wichser für schwach hält und deshalb (obwohl er sich täglich mindestens Einen runterholt…) die Masturbation leugnet und – anstatt dem reinen Samenflüssigkeitsdruck inklusive Testosteronschub per Handarbeit beizukommen – SIE bedrängt, weil er sein Sperma unbedingt in einer ihrer Körperöffnungen absondern will. SIE kriegt den Eindruck, Mann ist so wie ER. Schöne Scheiße das, denn die Chance, eine halbwegs brauchbaren Kerl abzukriegen, beginnt erst in der Klasse 30plus. Und die lehnt SIE im Alter von 25minus meist aus ästethisch-hygienischen Gründen ab.

Damen, aufgepasst: Nicht alle Männer aller Alters- und Gewichtsklassen unterschiedlicher ethnischer Herkunft sind Rammler, die nicht mehr kennen und wollen als …. AB!SPRITZ!EN!!! In euch, auf euch. Und denen es egal ist, ob ihr Lust dabei habt oder wenigstens Spaß. Denn Mann vom Typus Spritz hat eigentlich auch keinen Spaß, den für ihn ist Ficken harte Arbeit. Wir Jungs jenseits Fuffzich sind da eh raus. Wir laufen sowieso außer Konkurrenz. Umso erfreulicher, dass Typen davon erzählen, dass Liebe erst richtig Lust macht. Davon berichten, dass am ganzen Männerkörper Lust entsteht. Dass nur der Orgasmus, der alle Sinne einbezieht, wirklich gut ist. Tja, solche Männer können Frauen zurecht bitten (auffordern?), auch mal an die sexuellen Bedürfnisse des Mannes zu denken – die gar nicht so sehr von den weiblichen abweichen.

Lady, soo machst du dir den Mann zum Freund und überlässt das Feindbild der hässlichen, furztrockenen Emanze.

(Bild: Wilhelm Plüschow)


[ von Rainersacht um 14:39 in meinleben ] [ 03747 x gelesen ] [ dazugesachtes nicht möglich ] [  ]

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