gesachtes vom 03.11.2006

Das sagen die Saumacher

Dumme Sau
“Hamburg (ots) – Mit der Stimme von Harald Schmidt, der Musik von Rio Reiser und einem neuen Superstar läutet Media Markt die diesjährige Weihnachtssaison ein: Nachdem sich die Legenden des Sparens mit Cowboy Schulze, Oliver Pocher und Anwalt Steinhöfel gemeinsam mit dem Media Markt-Team zur Fußball-WM erfolgreich die Titel ‘Bester Media Markt aller Zeiten’ und ‘Bester Fanausrüster aller Zeiten’ geholt haben, schickt Europas Elektrofachmarkt Nummer Eins in seiner aktuellen Werbekampagne nun ein völlig neues Testimonial ins Rennen: SAUBILLIG. Die Kampagne zur Jahresendralley steht unter dem Motto ‘SAUBILLIG UND NOCH VIEL MEHR’ und läuft in TV, im Funk sowie im Kino, sie erscheint im Print und wird natürlich auch im Internet sowie auf Plakaten zu sehen sein.
Die Idee dahinter: Die Kampagne spielt hinter den Kulissen der Media Markt-Werbeabteilung, die passend zur Tiefpreisphilosophie des Unternehmens mit einer neuen Werbefigur zusammenarbeitet: SAUBILLIG. Wie das Team um Werbeleiter Martin (gespielt von Gregor Törz) schnell zu spüren bekommt, benimmt sich der neue Star bisweilen jedoch ‘wie Sau’. Mit der Stimme und Schlagfertigkeit von Harald Schmidt versucht SAUBILLIG sich stetig in den Vordergrund zu spielen. Doch wie der so gar nicht blöde Kunde von Media Markt weiß, gibt es heute neben SAUBILLIG eben noch andere Media Markt-Stars: die größte Auswahl, die besten Marken und einen tollen Service. So heißt es am Ende in Anlehnung an Rio Reisers Hit ‘König von Deutschland’ auch völlig zu Recht: SAUBILLIG UND NOCH VIEL MEHR – WÜRD’ ICH KRIEGEN, WENN ICH KUNDE BEI MEDIA MARKT WÄR’!”
(Quelle: Presseportal vom 30.10.2006)

Na, heute schon gekotzt? Okay, dann bitte mal die gemeinsame Pressemitteilung von Auftraggeber Media Markt und Agentur kempertrautmann (das sind die mit der Website, die als eine von zwei Seiten ein miserabel eingescanntes Blatt Papier als Impressum zeigt … und das im Internet-Zeitalter) lesen und eine Nasevoll Zynismus reinziehen. Immerhin werden die Schuldigen genannt. Harald Schmidt als Saustimme ist damit final durch – reicht ihm ja offensichtlich nicht, einen bekennenden Fan des 1. FC K*** zum Medienstar zu befördern, muss ja auch noch im Schweinedreck wühlen. Dass die Werbepüppchen und ihre Freier sich nicht scheuen, Rio Reiser ebenfalls ausdrücklich zu nennen, könnte den Tatbestand der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener (§189 StGB) erfüllen.

Es folgt ein bisschen Kokssprech Werbejargon. Von einer Idee ist die Rede. Gut, der/die gemeine Textpraktikant/in muss nicht wissen, dass “Idee” ein philosphischer Begriff ist und das, was er/sie meint, ein “Einfall” ist (und im gegebenen Kontext eine gewisse Nähe zu Wörtern wie “Einlauf” und “Durchfall” hat). Der/die Verfasser/in der Pressemitteilung ist andererseits im Umgang mit Worthülsen bestens vertraut: “Hinter den Kulissen der Media Markt-Werbeabteilung” spielten die Spots, meint er/sie. Im Sinne von Mireille Mathieu, vielleicht.
Das ist die Welt dieser Text ablaichenden Wesen: Schlager, Klischees, Flachwitz, Sprachnot. Tatsächlich beschreibt die Redewendung “hinter den Kulissen…” eine Situation, in der zu sehen/hören/erfahren ist, was sich auf der nicht-öffentlichen Seite einer Einrichtung abspielt. Mal abgesehen davon, dass man sich die Werbeabteilung der Handelskette eher als Schweinbauchanzeigenverteilstelle vorstellen muss, denn als kreativ brain-stormende WG, gibt es ja in diesem Unternehmen keine Kulisse, hinter die man schauen könnte.
Bisweilen so die PI weiter – “benimmt sich der neue Star [...] jedoch ‘wie Sau’”. Schon wieder daneben, liebe Tanja-Anja (denn spätestens hier wird klar, dass die Pressinfo nur von der Dauerpraktikantin verfasst worden sein kann) – ‘wie Sau’ ist eine Neuschöpfung deinerseits und ein großes Missverständnis dazu. Diese Redewendung stammt vom bayerischen, österreichischen, fränkischen oder schwäbischen “wi’ad Sau” und bezeichnet etwas, was sehr stark ist. Beispiel Eins: “Es schneit wi’ad Sau”. Daraus wurde dann im bayerischen Sprachraum eine Art respektvolles Lob. Beispiel Zwei: “Der spialt aba wi’ad Sau.” Im weiteren Verlauf der Sprachbildung, liebe Tanja-Anja (aber das kannst du nicht wissen, du Kind der Echt-geil-Generation…), blieb noch das geschmacksverstärkende Präfix (anderes Wort für “Vorsilbe” … wieder was gelernt, gell?) “sau-” übrig. Im Sinne von saugut, sauschwer und saugeil. Was soll es also bedeuten, wenn sich jemand ‘wie Sau’ benimmt? Na? Okay, keine Antwort ist auch ne Antwort.

“Mit der Stimme und Schlagfertigkeit von Harald Schmidt…”: Schlagfertigkeit im Kontext eines Werbespots, bei dem das Drehbuch für Einsdreißig mehr Seiten hat als Krieg&Frieden? Gewagt, gewagt, Tanja-Anja-Schatz. Das üben wir aber nochmal, gell? Und dann folgt der Hammersatz, der einem das Frühstück zurück in die Mundhöhle treibt: “Doch wie der so gar nicht blöde Kunde von Media Markt weiß, gibt es heute neben SAUBILLIG eben noch andere Media Markt-Stars: die größte Auswahl, die besten Marken und einen tollen Service.” Das ist so bescheuert, das entzieht sich jedem Kommentar.

Immerhin haben wir das Niveau von Markt & -schreier jetzt sauber dokumentiert vorliegen. Es ist das Niveau, auf dem sich diese Organisationen und ihre Führungs- und Abmahnkräfte bewegen. Da fragt man sich: Gibt es eigentlich auch eine geistig-kulturelle Unterschicht in diesem Land???


[ von Rainersacht um 13:12 in ichregmichauf ] [ 02482 x gelesen ] [ es wurde 6x was dazu gesacht ] [  ]

es wurde 6x was dazu gesacht

  1. Immerhin beschäftigte man, wenn ich der GEMA Repertoire Suche vertrauen darf, zwei (in Zahlen 2) “Spezialtextdichter” um den ehemaligen Refrain vom “König von Deutschland” saublöde umzu”dichten”. Ganz große Kunst ist es dann aber doch nicht geworden. Mag vielleicht daran liegen, das einer der beiden Dichterfürsten ansonsten lustige Büchlein wie “100 Lieder für die Blockflöte” und “3 Akkorde und 100 Lieder” schreibt. Jedenfalls spuckt mir das Google aus. Über den anderen Spezialdenker schweigt sich selbst Google aus.

    [ gesachtes von boogie am 03.11.2006 um 14:28  ]

  2. Erstmal , diesen Loginkram find ich ziemlich anstrengend.
    Zum Thema:
    Du bist ganz schön mutig, hast ein dickes Sparbuch oder möchtest einfach mal ausprobieren wieviel die Metro Bude aushält!?
    Das Harald Schmidt sich dafür hergibt ist allerdings enttäuschend und der Rio Reiser Song eine Frechheit (Gott sei Dank sind die meisten anderen Reiser Songs wohl nicht geil/blöd tauglich).
    Aufgeregt habe ich mich auch aber ich bin mir nicht sicher ob die Methode “Ich lass mich so lange abmahnen bis der Nikolaus an den Geldscheinen erstickt” sehr erfolgversprechend ist.

    [ gesachtes von Heini am 03.11.2006 um 21:47  ]

  3. Was er macht, ist verdammt mutig und ich denke das man ihm dafür Respekt zollen sollte. In Zeiten wo das Recht auf Meinungsfreiheit mit Füssen getreten wird und der kleine Mann vom “Grossen” unterdrückt wird ist dieser Blog für mich und viele andere eine richtige Wohltat. Mal lesenswert:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,446502,00.html

    [ gesachtes von tom am 05.11.2006 um 04:58  ]

  4. Media Markt & Saturn: So blöd bin ich nicht…

    Nachdem Joachm Steinhöfel, der Anwalt von Media Markt, dem Blogger Rainer wegen seines Artikels “Können Märkte Brennen” richtig einen eingeschenkt hat, nimmt der Media Markt Anwalt jetzt Konkurrenten von Media Markt & Saturn auf&#8…

    [ trackback von Mein Parteibuch am 06.11.2006 um 13:42  ]

  5. [...] hoaßt, oan neichen Sschpott gemocht. Da kenn die Indianer bayrisch red’n. Auf amoal. Die kempertrautmann-Fuzzis sind ja bekanntlich für nix fies, um’s mal auf Rheinisch auszudrücken, die [...]

    [ pingback von Rainer sacht » Ich möchte diesen Teppich nicht… am 16.07.2007 um 21:19  ]

  6. [...] Schmidt, die arme Sau, die sich ausgerechnet vom notorischen Spiegel-Möhrchen feiern lassen muss, hat vor drei, vier [...]

    [ pingback von Rainer sacht » Meine Freundin die Baum am 18.08.2007 um 12:03  ]

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.

Die Kommentarfunktion ist zur Zeit leider deaktiviert.