Guten Tag, Klasse. Heute wollen wir uns mit einem sehr, sehr altmodischen Wort befassen. Es heißt “Konsumterror” und riecht nach Vollbart und verqualmten Diskutierzirkeln (vergleiche auch: “repressive Toleranz”) sowie nach Brandbeschleunigern. Es stammt aus den mittleren sechziger Jahren und führte auf direktem Wege zum versuchten Abfackeln von zwei Frankfurter Kaufhäusern am 03.041968. Da haben wir dann auch schon den Wortbestandteil “Terror”.
Schauen wir einmal, was die Einzelteile und das Wort laut der einschlägigen Lexika bedeuten könnte:
“Kon|sum [lat.] m. 1 nur Sg. 1. Verbrauch (von Bedarfsgütern, z. B. Lebensmitteln); 2. [meist: kɔn-] Konsumgenossenschaft sowie deren Verkaufsstelle”
(Quelle: WAHRIG Rechtschreibung)
“Der Terror (lateinisch der Schrecken, von terrere – in Schrecken versetzen) ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt um Menschen gefügig zu machen und besonders zur Erreichung politischer sowie wirtschaftlicher Ziele, was man als Terrorismus bezeichnet. [...] Der Begriff Terror hat auch in die Umgangssprache gefunden, wo er für aggressive Umgangsformen steht.”
(Quelle: Wikipedia)
“Kon|sum|ter|ror [m. -s; nur Sg.; ugs.] von der Konsumgesellschaft dem Einzelnen gegenüber ausgeübter Zwang zu möglichst großem Konsum (1)”
(Quelle: BERTELSMANN Wörterbuch)
Mit anderen Worten: Konsumterror ist, wenn die Akteure der Konsumgesellschaft (z.B. die großen Handelsketten) die Konsumenten zu möglichst großem Konsum zwingen. Rein etymologisch betrachtet wird dabei Angst und Schrecken verbreitet. So wie aber auch bei der Folter (vergleiche hier: Dick Cheney, Wolfgang Schäuble) der Fortschritt Einzug gehalten hat, wird Terror längst nicht mehr durch das Ausreißen von Fingernägeln bzw. dem Androhen desselben erreicht, sondern durch Maßnahmen, die geeignet sind, die Psyche des Konsumenten zu beeinflussen. Ziel des Konsumterrors, der von Handelsunternehmen ausgeübt wird, ist es, den Konsumenten dazu zu zwingen, sich ständig Waren zu kaufen, die er weder braucht, noch sich leisten kann.
Gut, Klasse. Habt ihr das soweit verstanden? Ja, dahinten meldet sich jemand. Ulrike, du möchtest etwas sagen? Nein? Okay, dann bitte, Andreas. Sehr schönes Beispiel! Also noch einmal für alle:
Konsumterror ist, wenn ein Unternehmen (nennen wir es M.) mit zig Filialen im ganzen Land Millionen für TV-Werbespots, Zeitungsbeileger, Postwurfsendungen und Plakate ausgibt, die zwei Botschaften transportieren: DAS MUSST DU HABEN! und DAS KRIEGSTE BEI UNS BILLICH! Der Konsument (nennen wir ihn Herr K.) fängt an zu glauben, dass er den Kram braucht und ihn beim Unternehmen billig kriegt. Wenn der Glaube durch permanente Gehirnwäsche groß genug geworden ist, dann kriegt Herr K. den unbändigen Wunsch, das Zeug zu kaufen … und rennt in eine der Filialen von M. Mit Entsetzen stellt er fest, dass die gewünschte Ware da zwar billiger ist (wenn überhaupt) als woanders, aber immer noch ganz schön teuer. Herr K. wird dann vor Ort nicht mehr vom Kauf der Ware überzeugt, sondern darüber vollgesülzt, dass man ja auch eine wunderbare Finanzierung anbieten könne. Herr K. unterschreibt freudig einen Ratenkreditvertrag der ***bank, nimmt das erworbene Gerät in Empfang und trollt sich. Damit ist das Geschäftsmodell der Firma M. erledigt: Sachen verkloppt, Kohle kassiert. Zuhause stellt Herr K. fest – hier ein konkretes Beispiel -, dass der 104-Zentimeter-Flachfernsehr in seinem 12-qm-Wohnzimmer irgendwie keinen Sinn macht. Außerdem hat er die Bude ja schon voll mit: Hifi-Anlage mit zwei dicken Boxen (alt), Dolby-Surround-Anlage samt 7 Boxen (noch nicht so alt), Videorekorder (uralt), DVD-Player (mittelalt), DVD-Festplattenrekorder (ziemlich neu), Digitalreceiver (brandneu) und Farbfernseher (drei Jahre alt). Er müsste, denkt Herr K., sich von einigen Sachen trennen. Aber er hat soviel investiert. Also stellt er um. Er stellt fest, dass er andere Möbel braucht und fährt zur nächstgelegenen Filiale einer Möbelkette. Dort erwirbt er eine ultramoderne Medienwand und schließt einen Ratenkreditvertrag über die Kaufsumme ab. Und so weiter. Leider verliert Herr K. wenige Wochen später seinen Job. Natürlich kann er die Raten nicht mehr abstottern. Wenige Monate später ist Herr K. pleite. Man holt den Plunder ab. Die Schulden bleiben. Herr K. sitzt nun jeden Tag auf dem Sofa, trinkt Bier und lässt die Glotze (die alte, denn die war schon abbezahlt…) laufen. Da sieht er einen Werbespot. Er fängt an zu glauben, dass er das beworbene Produkt braucht…
Das war’s für heute, Klasse. Nächste Woche wollen wir uns mit einem ebenfalls sehr alten Begriff befassen. Er heißt “direkte Aktion”. Bis dann, und nicht die Hausaufgaben vergessen!

