gesachtes vom 13.12.2006

HSV: Die Medien lügen

Sorry, dass es hier noch einmal um einen Fußballverein geht, der einen aufrechten Fortuna-Fan einen Scheiß interessieren sollte. Aber die Vorgänge rund um die Jahreshauptversammlung (JHV) des Hamburger Sportvereins (HSV) am vergangenen Montag entwickeln sich zu einem Lehrstück über die manipulative Rolle der Medien im modernen Kommerzfußball (Vorsicht: Sehr langes Stück).

Was ist geschehen? Nach der obligatorischen Frage an die Versammlung, ob die Presse zur eigentlich nichtöffentlichen Versammlung zugelassen werden soll – eigentlich einer Formalie, die bei jeder JHV eines jeden Fußballvereins normalerweise ohne jede Reaktion bleibt -, wurde per Zuruf eine offene Abstimmung verlangt. Nachdem bei zwei offenen Abstimmungen kein Konsens über die Mehrheitsverhältnisse gefunden wurde, fand eine geheime Abstimmung statt, die ergab, dass eine deutliche Mehrheit für den Ausschluss der Presse stimmte. Die Medienvertreter wurden gezwungen, den Saal zu verlassen. Das brachte die Spochrepochter, die sich als wichtigen Bestandteil der Fußballindustrie verstehen, zum öffentlichen Schäumen.

Die Schreiberlinge gaben Stellungnahmen ab. Carsten Harms, Vorsitzender des Vereins Hamburger Sportjournalisten, sagte: “Es ist eine unverständliche Entscheidung, die wir in einer Demokratie aber akzeptieren müssen. Fakt ist, dass die kritischen Mitglieder diejenigen ausschließen, die ihre Kritik nach außen und in die Öffentlichkeit tragen.” Das war noch ausgesprochen moderat. Deutlicher wird der notorische Erich Laaser, Präsident des Verbandes Deutscher Sportjournalisten: “Ohne Medien würde ein Spiel HSV – Nürnberg in Ottensen auf der Wiese stattfinden, mit 30 Zuschauern”. Will sagen: Ohne uns Journalisten seid ihr Fußballer garnix! Was ja eine faustdicke Lüge ist – besonders angesichts der historischen Entwicklung im Verhältnis von Fußball und Medien. Diese Sichtweise zeigt aber auch, wie fragil das Geschäftsmodell der Fußballindustrie ist. Trotz aller Zusatzeinnahmen aus dem Merchandising und aus Eintrittsgeldern finanzieren sich die Clubs der ersten und zweiten Bundesliga vorwiegend aus Fernsehgeldern. Der Anteil dieser Einnahmen an den Gesamtbudgets dürfte geschätzt bei minimal 80% und maximal 95% liegen. Dass der Kommerzfußball in diesem Punkte verletztlich ist, hat die Kirch-Krise vor Jahren bewiesen.

Nur: Die TV-Sender zahlen die geforderten Beträge ja nur in der Hoffnung auf hohe Quoten und daraus folgend hohe Werbeeinnahmen. Wenn also die Berichterstattung in den Medien den Bundesliga-Fußball pusht wie nix Gutes, dann im eigenen Interesse. Denn je mehr Konsumenten Fußball im Fernsehn glotzen, desto höher die Werbeeinahmen. Dabei spielt die Frage, ob ein Spiel vor 50.000 Leuten in einer modernen Kommerzarena oder auf einer Wiese in Ottensen stattfindet keine Rolle. Das Publikum im Stadion ist aus Sicht der Medien ohnehin nur Komparserie.

Zurück zum HSV. Die Berichterstattung über den Presserausschmiss erwähnt immer wieder, wenn auch diffus die “mächtige Gruppierung” der Supporters. Wer sich mit den Feinheiten der HSV-Historie nicht auskennt, weiß nicht, was das bedeutet. Die zentrale Rolle spielt Jürgen Hunke, der wohlhabende Privatier und Verleger, der 1990 HSV-Präsident war, vorschlug, den Verein in eine AG zu verwandeln, dafür für verrückt erklärt wurde, der später zum Meditieren konvertierte, die STATT-Partei gründete und weiter in Sachen HSV aktiv war. Bemerkenswert das Pamphlet, mit dem er sich 2004 um die Wahl in den Aufsichtsrat bewarb. Der Text enthät den Satz: “Fußball ist Leidenschaft, Begeisterung, Wissen und Können. Formel: Begeisterung und Know-How ist Erfolg.” Hunke verstand seinen Ansatz als Alternative zum nüchternen Sachprogramm der herrschenden Aufsichtsräte. Bemerkenswert auch folgende Forderung: “Der professionelle Fußball lebt von der Öffentlichkeit und durch die Medien. Es muss eine transparente Öffentlichkeitsarbeit installiert werden, die dem Produkt Fußball entspricht. Fußball ist nun einmal ein Produkt der Masse und braucht Emotionen und Öffentlichkeit, nur damit können die außerordentlichen Einnahmen durch TV und Sponsoren erzielt werden.” Hunke war aber auch derjenige, der die Einbindung der Fans in den Verein forderte und durchsetzte.
Tatsächlich wurde 1993 der HSV Supporters Club
(HSV-SC) eigenständige Abteilung des Hamburger Sportvereins – ein Novum in der Geschichte des deutschen Fußballs. Zweck der Abteilung war und ist die Unterstützung der Profifußballmannschaft. In seiner Eigenschaft als Abteilung des HSV “entsendet [sie] einen Delegierten in den Aufsichtrat und stellt das Vorstandsmitglied für die Belange der Mitglieder”. Im HSV-SC mit seinen rund 10.000 Mitgliedern sammeln sich die aktivsten und engagiertesten Fans, die sich ihrer Macht durchaus auch bewusst sind. Auf der JHV, an der rund 1.600 HSV-Mitgliedern teilnahmen, dürfte die Hälfte der Anwesenden aus dem HSV-SC stammen. Zu den Vorfällen auf der JHV hat der HSV-SC Stellung genommen:

“Die alljährliche Mitgliederversammlung des Hamburger Sport-Verein e.V. gestern Abend im CCH war durch eine vollkommen unzureichende Organisation bei der Durchführung der Veranstaltung geprägt:
Eine komplette Fehleinschätzung der Anzahl der zu erwartenden Mitglieder, lange Schlangen bei der Registrierung, zu wenige Stimmkarten und zu guter Letzt der absolut inakzeptable Abbruch der Versammlung nach Abstimmung der Mitglieder.
Die zum Teil sehr emotional und leidenschaftlich geführte Aussprache der Mitglieder v.a. mit dem Vorstand zur aktuellen sportlichen Situation und der damit einhergehenden Transferpolitik des HSV, hat eindeutig und unmissverständlich gezeigt, dass es schlichtweg unmöglich ist, alle drängenden Fragen und Themen an einem Abend gebührend anzusprechen und zu erörtern.
Die Vielzahl der offensichtlich aufgetretenen Fehler bei der Organisation und die daraus resultierende chaotische Form der Ausrichtung dieser Mitgliederversammlung ist dem Hamburger SV schlichtweg unwürdig.
Der per geheimer Abstimmung durch die Mitglieder erzielte Beschluss, die anwesende Presse auszuschließen, ist weder als Affront, noch als gezielt geplantes oder gesteuertes Szenario gegen die Presse zu verstehen. Die Abteilungsleitung legt unmissverständlichen Wert auf die Feststellung, dass es sich dabei um einen spontanen Entschluss und demzufolge um ein klares Votum und Signal aller anwesender Mitglieder handelt, die Versammlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen.
Herr Hunke hat zu seine Zeit als Präsident des HSV sicherlich keinen Fehler begannen, als er während seiner Amtszeit die Mitglieder, und folglich die Fans, in den HSV integriert hat. Ohne Zweifel war das genau richtig. Was ist denn daran falsch oder verwerflich, wenn unzählige ehrenamtliche Helfer, leidenschaftliche Fans und engagierte Mitglieder einen Verein führen?”

Im Licht dieser Erklärung (die im Übrigen von der Darstellung der taz gestützt wird) verblassen die miesen Gerüchte der Medienärsche, man habe sich den Pöbeleien Angetrunkener aussetzen müssen. Ganz offensichtlich war der Presserausschmiss Folge der Wut von anwesenden Supporters auf ganz bestimmte Medien – also auf das Scheißblatt, das seit Wochen Artikel über den HSV mit einem zerbrochenen HSV-Logo illustriert, das seit Wochen gegen den Trainer Thomas Doll schreibt und das immer wieder den senilen (noch nie besonders hellen) Uwe Seeler als Kronzeugen heranzieht – der sich übrigens zu Pöbeleien und Schreiereien auf der JHV äußert, obwohl er nicht anwesend war. Dumm gelaufen, dass auch die HSV- und HSV-Supporter-freundlichen Medien gehen mussten, aber rein versammlungsrechtlich wäre es nicht möglich gewesen, nur die Vertreter des Scheißblattes rauszuwerfen.

Schließlich: Warum hatten sich für die JHV in diesem Jahr beinahe dreimal so viele Medienvertreter akkreditiert wie sonst? Weil sie auf ein Massaker hofften, weil sie auf Pöbeleien und Schreiereien hofften, weil sie den Skandal wollten, Rücktritte, möglicherweise Prügeleien. Weil gerade die Spochtjournaille in ihrer grioßen Mehrheit nichts weit ist als eine Bande von Aasgeiern. Insofern haben die HSV-Supporters den Medienärschen einen sinnvollen Schuss vor den Bug verpasst.


[ von Rainersacht um 11:48 in fussball ] [ 0804 x gelesen ] [ dazugesachtes nicht möglich ] [  ]

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