gesachtes vom 11.02.2007

Kleine Teile (1)

Das ist der neue Fortsetzungsroman – hier auch zum Download als PDF-Dokument. Die Geschichte um zwei Rechtsanwälte, einen Möbelmarkt und seine Werbekampagne sowie Teile, die irgendwann dann doch zusammenpassen.

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Vorrede

Liebe ist ein zarter Stoff, aus dem sich feine Geschichten schneidern lassen. Wie die Vielfalt der Gewebe, so auch die Zahl der Möglichkeiten, wann und wie Liebe entsteht, wie sie lebt und atmet und wo sie endet.

Sie waren unzertrennlich seit ihren Kindergartentagen. Und immer eine Einheit, wenn es gegen andere ging. Dabei waren ihre Rollen verteilt: Extrovertiert, eine Spur großmäulig, ja, aggressiv das eine Kind, in sich gekehrt, nachdenklich und defensiv das andere. So durchliefen sie die Kindheit in der unbedeutenden Vorstadt einer mittelgroßen Stadt an einem schmalen Fluss. Sie stammten aus ähnlichen Verhältnissen. Die Eltern besaßen jeweils Doppelhaushälften, allerdings waren sie keine Nachbarn. Aber sie sahen sich ähnlich, verblüffend ähnlich.

Erste Teile

Wer in diesen Tagen einigermaßen bei Verstand war, der dachte ans Auswandern. Die Stadt hatte das mieseste Wetter angezogen, das die geografischen und klimatischen Bedingungen hergab. Es war Oktober, aber es fühlte sich an wie ein nasser Mai. Jede andere Jahreszeit durfte man herbeisehnen um diesen grau-feuchten Herbst zu vertreiben. Es regnete seit neun Tagen beinahe ohne Unterbrechung, das Thermometer war nie unter zehn Grad gesunken oder über zwölf Grad gestiegen. Und dieser Montag war besonders schlimm, denn die Herbstferien hatten begonnen und alle Lehrkräfte hatten mit ihren Ehepartnern sowie den etwaig vorhandenen Kindern den großen Möbelmarkt am Rande der Stadt aufgesucht, den man nur über eine eigens für ihn angelegte Autobahnausfahrt erreichen konnte.

Elle und Robert nutzten die Gunst der Stunde, die ihnen zufällige und gleichzeitige Verschiebungen im Schichtdienst eingebracht hatten, um endlich nach den schönsten Stücke für ihre erste gemeinsame Wohnung zu stöbern. Dass sie dazu nicht den großen Möbelmarkt am Rande der Stadt aufsuchten, ergab sich aus einer Vielzahl an guten Eigenschaften, die sie sich über die Jahre erhalten hatten. Und so durchstreiften sie die Läden in der Altstadt, die mit Klassikern der modernen Möbelkunst gefüllt waren.

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Ein erschöpfter Studienrat in seinen frühen Vierzigern, der mit drei quirligen Kindern und einer Gattin am Rande der Hysterie gestraft war, schob den schweren Einkaufswagen durch die überfüllten Gänge der Möbelausstellung und dachte darüber nach, wann er zum ersten Mal eine Filiale der Möbelhauskette betreten hatte, wann dieses Globalunternehmen mit skandinavischen Wurzeln überhaupt im Lande aufgetreten war und welches Möbelstück er damals erworben hatte.

Die im Minutentakt schrillenden Hinweise seiner Ehefrau auf neue Angebote oder Sonderpreise überhörte, genau so ignorierte er, dass die zwei Jungs im Alter von sieben und neun sowie die sechsjährige Tochter einem Teil der anwesenden Konsumenten gehörig auf die Nerven hingen, indem sie grund-sätzlich an den Ausstellungsstücken herumspielten, für die sich potenzielle Käufer ernsthaft interessierten. Die Gattin streute ein gelegentliches Lasst-das in ihren Redestrom ein, das aber wirkungslos blieb, und eigentlich hätte sich jemand aus der Schar der von Kauflust gebeutelten Bürger erbarmen und einem der Kinder eine Maulschelle verpassen müssen – aber zu solchen Erziehungsmitteln zu greifen, davon war man ja seit Jahren abgekommen.

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Hauptkommissar Greiper trug einen Trenchcoat, der wasserdicht aussah, dessen Nähte aber über die Jahre inkontinent geworden waren. Der Regen hatte die Konsistenz von Feinstaub, sodass er die Nässe auf dem kurzgeschorenen Schädel spürte oder im Gesicht, wenn der Wind ungünstig stand, er aber nicht das Gefühl hatte, nass zu werden. Nur unter dem Mantel, da spürte er, dass seine Kleider langsam klamm wurden. Sie würden gleich den Markt überqueren und an dem Eckcafé vorbeikommen, in dem sich die frühmorgens die Besitzer der Stände beim Milchkaffee trafen und mittags die Schönen aus den Agenturen, die zwischen dem Markt und der Promenade untergebracht waren, während am Abend vorwiegend Menschen aus dem so genannten Show-Geschäft diese Lokalität aufsuchten, die immer noch aussah wie zu den Zeiten, als man hier Sau-erbraten servierte und Kassler mit Sauerkraut. Frau Dr. Elle Hülchenrath und er würden genau in die Phase des Tages geraten, in dem das Café fast leer stand und die alte Wirtin sich aus der Küche hinaustraute, um am Leben teilzunehmen.

„Wie wär’s mit nem Milchkaffee?“ fragte Robert, und sie stimmte zu. Auch wenn es keinen Grund gab, sich aufzuwärmen, hatte sie doch den starken Wunsch, ein paar Minuten im Trocknen zu sein, ohne von blasierten Antiquitätenhändlern abschätzig betrachtet zu werden, weil sie in Camouflagehose und Parka herumlief.

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Kurz nachdem er herausgefunden hatte, dass er damals ein Kellerregal aus Kifernholz erstanden hatte, das er genauso gut und billig hätte selbst schreinern können, hörte der Lehrer seinen Sohn Elias schreien. Der stand vor einer Schrankwand mit Fronten aus Furnier in Eichenoptik, hatte eine Schubladen in der Hand und brüllte. Bruder Jonas und Schwester Sarah waren hinzugeeilt, hatten ebenfalls einen Blick in die Schublade geworfen und sich am Kreisch-konzert beteiligt. Noch bevor der Pädagoge hinzu gestoßen war, hatte die Mutter seiner Kinder den Tatort erreicht und eine Ohnmacht der folgenden Diskussion vorgezogen.

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„Was haben die gefunden? Ein Ohr?“ Elle sah Robert mit leichtem Entsetzen und unverhohlener Neugier an.

„Ja, ein Ohr. Sauber eingeschweißt in Folie, mitten zwischen den Beuteln mit den Teelichtern.“ Er musste kein Grinsen unterdrücken, denn zweiundzwanzig Jahre im Polizeidienst, davon sechzehn bei der Mordkommission, dem Dezernat 5 des hiesigen Präsidiums, hatten ihm jede emotionale Reaktion in Bezug auf Leichen und Leichenteile abtrainiert.

„Wie hast du davon erfahren? Oder ist das so bei euch, dass der Kollege aus der einen Stadt seinem Kollegen aus einer anderen Stadt die neusten Kuriositäten per Mail mitteilt?“

„Amtshilfeersuchen. Die in Hannover hatten festgestellt, dass der mitgelieferte Ohrstecker möglicherweise aus der Kollektion eines hiesigen Piercing-Künstlers stammte. War aber nicht so. Ich hab das überprüfen lassen.“ Elle zahlte, und die beiden spazierten in die Seitenstraße mit den wunderbaren Geschäften.

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Der geplagte Studienrat im gigantischen Mübelmarkt war dagegen mit einer abgeschnittenen Hand konfrontiert, die in der Schublade lag, die Elias in seinem Eifer aus der Schrankwand gezogen hatte. Die Schnittfläche war offensichtlich versiegelt, denn es gab keine frischen oder alten Blutspuren, die abgetrennte Extremität erschien wie konserviert. Der herbeigerufene Marktleiter interessierte sich weniger für die forensischen Details, sondern war bemüht, den Kreis der Mitwisser klein zu halten, zu isolieren und mit Warengutscheinen mundtot zu machen. Nachdem sich die Familie des Finders einigermaßen beruhigt hatte und in der Kantine mit Kaffee und wahlweise Keksen oder Hotdogs zu Normalverhalten kam, machte ihnen der Chef der Filiale ein unmoralisches Angebot, das darauf hinauslief, den Vorfall unter dem Teppich zu halten, nicht die Polizei zu verständigen und dafür eine Einrichtung nach Wunsch kostenlos aussuchen zu dürfen.

Erst am nächsten Morgen kamen dem Lehrer Bedenken. Nach dem Frühstück rief er im Präsidium an und gab seinen Bericht ab. Seine Frau hätte lieber die Möbel gehabt und war sauer auf ihn.


[ von Rainersacht um 21:00 in fortsetzungsroman ] [ 01683 x gelesen ] [ dazugesachtes nicht möglich ] [  ]

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