
Der Witz an der Sache ist doch, dass der Sloterdijk das Wort “Thymotik” eigenhändig erfunden hat für und in seinem Buch “Zorn und Zeit“:
“Nur dass Sloterdijk nie von Aggression spricht, auch nicht von Wut, sondern vom Zorn und seinem großen altgriechischen Bruder, dem thymós. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der seine Sprachgemeinschaft »erotisch« und »Erotik« im Munde führt, verwendet Sloterdijk die selbst gebildeten Begriffe »thymotisch« und »Thymotik«. Sein Anliegen ist, nachzuweisen, dass die moderne Wissenschaft zu Unrecht den Menschen als erotisches, weniger als thymotisches Wesen begreife.”
(Quelle: Die ZEIT.de vom 28.09.2006)
Nun hat der gewitzte Peter in einem Streitgespräch mit dem “Papstvertrauten” Walter Kardinal Kasper in der ZEIT vom 08.02.2007 diesen Begriff einfach so in die Debatte eingestreut, als ob das Wort im Duden stünde. Und der Kardinal fällt drauf rein, indem er rät, was “Thymotik” sein könnte, sich auf seine Interpretation bezieht und … daneben liegt. In einem Katholenforum hat das jemand sehr schön so kritisiert:
“Selbsterfundene Fremdwörter in einer öffentlichen Diskussion zu verwenden, ist für mich ein Zeichen für inakzeptable Wichtigtuerei. Dieser Sloterdijk hat sich damit in meinen Augen endgültig disqualifiziert. Und auf solche Wichtigtuereien einzusteigen, ist eine Zeichen für mangelnde Redlichkeit: Kasper hätte nicht den Sinn des Wortes raten dürfen, sondern hätte entweder zugeben müssen, dass er das Wort nicht kennt (Popper hätte gesagt: “Tut mir leid, ich bin zu dumm, ich verstehe Sie nicht”), oder, wenn er es weiß, in der Diskussion klarstellen, dass es sich um ein erfundenes Angeberwort von Sloterdijk handelt. So zu tun, als wäre “Thymotik” ein Wort, das jeder kennen müsse, ist ein anmaßender Diskussionsstil. Und genau deshalb habe ich auch auf Isidors Angeberei (die sich selber entlarvt hat) so scharf reagiert.”
(Quelle: www.mykath.de)
Die Frage ist aber, ob das Wort Thymotik überhaupt einen allgemein verbindlichen Gehalt hat oder bekommen kann. Dazu muss man sich den Pitter mal genauer ansehen, denn der hat eine Geschichte, die sehr viel mit Religion zu tun hat. In seiner Vita (die auf Wikipedia offensichtlich korrekt wiedergegeben wird), kommen zwei Indienaufenthalte vor. Und zwar in Poona im Ashram von Sri Rajneesh, dem Bhagwan, der später Osho hieß und viele Rolls Royce besaß. Wer älter ist als ca. 35 Jahre, der kann sich an den latenten und offenen Psychoterror der Typen in orangener Kleidung erinnern, die hierzulande mit ihrer Psychosekte und angegliederten Geschäften massig Kohle scheffelten. Nun war Sloterdijk nie Teil der Sanjassin-Bewegung bzw. der Bhagwan-Organisation – jedenfalls ist darüber nichts bekannt. Aber beeinflusst hat ihn der Selbstversuch schon. In welche Richtung?
Auf jeden Fall auf die Metaebene der Provokation. Nicht zuletzt sein Pamphlet “Regeln für den Menschenpark” zeigt dies. Aber sowohl in seinen Selbstzeugnissen über die Ashram-Erfahrung als auch im genannten Pamphlet und jetzt wieder im Streitgespräch mit dem Katholen-VIP wird deutlich, dass Sloterdijk ein Menschenbild, das Angst machen kann. Denn er verkündet letztlich das Ende des Humanismus. Also auch der Vorstellung, dass die Menschen in Frieden zusammen leben können.
Mit dem Neologismus “Thymotik” hat er diese pessimistische und eigentlich auch misantrophische Position erneut sehr schön bemäntelt. Zwar setzt er den Begriff weitgehend synonym mit dem Wort “Zorn”, aber die Herleitung umfasst mehr. Ausgangspunkt ist das griechische Wort θυμός (Thymos), das ein Organ des Lymphsystems von Wirbeltieren bezeichnet, die Thymusdrüse, auch Bries genannt. Hier verorteten die ollen Griechen den Zorn. Und diese Annahme hat sich bis auf den heutigen Tag in dem Spruch erhalten: “Isch krisch soooo’n Hals!” Denn wenn ein Mensch wütend/zornig ist, schwillt ihm der Hals an. Sloterdijk findet – und diese Ansicht teile ich zu 100 Prozent! -, dass Religionen und Ideologien im Wesentlichen die Aufgabe hatten, den Zorn zu domestizieren, die Energie zu kanalisieren. Da die Wertesysteme aller Art final gescheitert sind, darf auch der Zorn wieder ungezügelt leben – wenn er denn statt in Wut sein Ventil findet in Stolz, Ehrgeiz, Geltungswille und Gerechtigkeitssinn. Pessimistisch an dieser Vorstellung ist, dass sie den Streit zur vorherrschenden Kommunikationsform erklärt. Damit werden aber auch die “menschenfreundlichen” und “politisch korrekten” Umgangsformen unter den Menschen für obsolet erklärt.
Und damit schließt sich der Kreis, denn auch der olle Bhagwan/Osho und seine Jünger sahen im Streit eine wichtige Kraftquelle und den Ursprung der Erneuerung. So gesehen führt Sloterdijk nichts Geringeres im Schilde als das Entstehen eines neuen Menschen – ganz wie olle Nitzsche, von dem der Pitter ein Riesenfan ist.


Ich hatte ja schon immer die Vermutung, daß Sloterdijk hauptsächlich reüssiert, weil er die unsagbarsten Trivialitäten in die wohlgestaltesten Worte zu kleiden vermag, das “Zeit”-Interview war ein exemplarisches Beispiel. Daß er “Thymotik” erfunden hat, paßt da nur zu gut ins Bild.
[ gesachtes von Andi am 07.03.2007 um 20:25 ]
Also, ich verstehe die ganze Aufregung nicht, es ist subpädeutisch und hermenegistisch, wenn ein Philosoph vom Range eines Herrn Schlodderdick, sich mit Biergriffen aus der griechischen Mystik betrinkt. Wie anders könnte Sprache eregierend wachsen, wenn nicht an dem Philosoph an sich, der im Wachsen eines Tumors eine thymotisch erotischen Vorgang sieht und dessen Grundsymnese über das LEBEN an sich stellt. Was wären wir ohne tiefe schpirituelle Intelektuallität, die uns auf dem Weg nach Irgendwo, die Abteile der Züge von Nirgendwo, geradezu hermodidaktisch vorhält ? Was wäre Herr Scheindöfel denn ohne eine Thymusdrüse ? Was ein deutsches Gericht ohne einen Fall, was ein Hund ohne Schwanz ? Ich fragen mich, angesichts des thymotisch frühen Ablebens von Mozart einmal mehr, WARUM ?
Warum das alles ?
[ gesachtes von Schubbs am 11.03.2007 um 20:32 ]