gesachtes vom 28.02.2007

Was erlauben Ultras?

Italienische Ultras auf der Straße
In den letzten Tagen sind Typen beim Training ihrer Mannschaft aufgelaufen und haben Spieler, Trainer und Offizielle beschimpft und teilweise ernsthaft bedroht. Da es sich um böse, böse Ossis handelt, hat der Vorfall rund um Dynamo Dresden das größte Medienecho gefunden. Tatsächlich waren die “Besuche” der “Fans” des Äff-Zeh K***, der Borussia Ostholland sowie von Rot-Weiss Essen nicht weniger aggressiv. Bei den Däumlingen kam es beinahe zu einer Schlägerei zwischen den Kapuzenköppen und dem als prügelfreudig bekannten Spieler Alpay. Bei Jlabbach hieß es von Seiten der Besucher, dass es für die Akteure bei Abstieg “schwer was aufs Maul” gäbe – ähnlich äußerten sich auch die als Megaprolls bekannten Anhänger des RWE. Zudem ist das alles ja nicht neu. Ich erinnere mich an das Spiel meiner Mannschaft gegen den 1.FC Moachdeburch mitten in der Rückrunde der Regionalliga-Saison 2001/02, nach dem die Fortuna-Freunde das Spielfeld stürmten, und es die Spieler gerade noch schafften in der Kabine zu verschwinden – man wollte ihnen (die als “Söldner” beschimpft wurden) massiv ans Leder. Wie oft hat man schon Bilder von “Fans” gesehen, die den Mannschaftsbus am Abfahren hindern etc.

In der Berichterstattung der dummen & faulen Journalisten (ob Spochrepochter oder nicht) geht jetzt wieder mal alles durcheinander. Bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen reicht der Horizont der Schmierfinken nicht über das eigene Vorurteil hinaus. Differenzieren ist nicht ihre Sache (Merke: Intelligenz ist differenzieren können.), und wo werden all die Typen, die den Spielern der eigenen Mannschaft auflauern, erstmal als Hooligans bezeichnet. Fortschrittliche Schmierfinken kennen auch den Begriff “Ultra”, wissen aber nichts damit anzufangen. Dabei würde ein Griff zu Google und Wikipedia die gröbsten Missverständnisse klären.

Missverständnis Nummer 1: NEIN, das sind keine Hooligans! Hooligans gibt es rund um den Fußball kaum noch. Die ehemaligen Freunde der dritten Halbzeit treffen sich seit Jahren vorwiegend unabhängig vom Fußball irgendwo auf dem Acker um sich gegenseitig die Fresse zu polieren.
Missverständnis Nummer 2: NEIN, Ultras sind nicht per se gewalttätig – es gibt unter den Ultras so’ne und solche. Ultras erkennt man daran, dass sie bei allen Heim- und Auswärtsspielen dabei sind und sich durch ein modisches Accessoire (Schal, Mütze, T-Shirt – seltener:Trikot) als Fan zu erkennen geben.
Missverständnis Nummer 3: NEIN, nicht alle Hooligans sind rechtsradikal, aber es gibt viel rechtsradikale Hooligans.
Missverständnis Nummer 4: NEIN, die Ultras sind nicht alle von Rechtsradikalen unterwandert oder beherrscht – nicht mal die aus den neuen Bundesländern. Es gibt sogar (St.Paul, CZ Jena, Sachsen Leipzig, F95) ausgesprochen linke Ultra-Truppen.

Lassen wir also die Hooligans einfach außen vor. Wer sich zu den Ultras eines Vereins zählt, der investiert viel Zeit und einiges an Geld in diese Tätigkeit. Deshalb hält sich der Ultra für die Avantgarde der Anhängerschaft. Er meint, ohne die Ultras gäbe es keine “Stümmung” im Stadion (was so nicht stimmt). Er meint auch, dass zum Zwecke der Stümmung alles erlaubt sein müsste. Weil Ordnerschaft und Polizei aber das Anzünden von bengalischen Fackeln (”Bengalos”) und Rauchbomben nicht mehr tolerieren und auch das Einbringen beliebiger Transparente (”Transpi”), Fahnen und Doppehalter nicht, sind “die Bullen” der natürlich Feind des Ultras, weil die Polizei alle Ultras für Verbrecher hält. Das spiegelt sich im Sprechchor “Fußballfans sind keine Verbrecher” und in dem Kürzel A.C.A.B. (All cops are bastards = Alle Polizisten sind Arschlöcher) wider, dass wiederum sagen soll, dass derjenigen, der es im Mund oder sonstwo führt, “die Bullen” hasst und körperliche Auseinandersetzungen mit diesen nicht scheut … so er denn zu der spaßorientierten Fraktion der Ultras zählt.

Apropos: Ultras sind – wie gesagt – keine Hooligans, die das Kloppen anstreben, aber die meisten Ultras gehen einem Streit mit Ultras anderer Mannschaften, Ordnern und Bullen nicht aus dem Weg. Es gibt aber auch ausgesprochen gewaltbereite Ultras … wenn auch wenige.

Das Problem mit den Ultras ganz generell (…und das gilt für Deutschland genauso wie für Italien, Griechenland und der Türkei, die Länder mit den gewalttätigsten Ultras…) besteht darin, dass sie für sich besondere Privilegien vom Verein fordern. In den genannten südlichen Länder haben viele Gruppierungen erreicht, dass sie von ihrem Verein ausdrücklich gefördert werden. Zum Beispiel durch kostenlose Auswärtskarten und -fahrten, aber auch (wie bei den neofaschistischen Irriducubili von Lazio Rom) durch die Vergabe von Merchandising-Rechte an deren “Fan”shops. Je mehr Privilegien die Ultras haben, desto mehr versuchen sie sich einzumischen. Gern eben auch in die spochtliche Leitung.

Grundlage ist auch das heilige Gesetz der Ultras: Die Spieler sind UNSERE Angestellten, weil wir sie mit unseren Eintrittsgeldern bezahlen! Was objektiv betrachtet nackter Blödsinn ist. Bei keinem deutschen Profiverein machen die Einnahmen aus Eintrittskarten mehr als 15% des Budgets aus, im Schnitt dürften der Anteil bei rund 10% liegen. Davon tragen die Ultras aufgrund ihrer relativ gesehen kleinen Zahl vielleicht ein Viertel oder ein Drittel aus. Mit anderen Worten: Ultras stehen bestenfalls für 5% des Saisonbudgets, vermutlich aber meist für kaum 2%. Aus dieser Milchmädchenrechnung leiten die Ultras gern auch ethische Werte ab: Wir sind XXX (= hier Name der Stadt einsetzen) und ihr nicht! Oder: Söldner raus! Der Zorn richtet sich im Fall des Misserfolgs gegen “die Millionäre”. Das selbst im Falle von Regionalligsten, wobei man wissen muss, dass der Anteil an Spielergehältern im Etat eines solchen Vereins irgendwo zwischen 600.000 und 1 Mio Euro liegt, aus dem aber nicht nur der Kader mit mindestens 14 Spielern, sondern auch Trainer und Betreuer bezahlt werden. Monatseinkommen von um die 3.000 Euro brutto (inklusive Prämien!) sind der Regelfall – von Millionären kann deshalb so gut wie nie die Rede sein.

Was waren das also für Typen, die unangemeldet “ihre” Spieler besucht haben? Waren es Hooligans? Eher nicht, denn der heutige Hooligan interessiert sich nicht mehr sooo dolle für Fußball, dass er entsprechend tätig würde – außerdem kleidet sich kein Hooligan so wie die “Besucher”. Waren es Ultras? Ja, davon kann man ausgehen. Denn die “Fans”, die ihre Mannschaft bedroht haben, haben exakt aus der beschriebenen Position von Ultras agiert, also dass sie den Spielern was zu sagen hätten, weil sie die ja bezahlen, bla, bla, bla. Waren es normale Ultras? Nein, eher nicht. Der durchschnittliche Ultra würde das nicht tun, der geht zum Spiel, der brüllt und singt, der malt Transpis und studiert Aktionen (”Choreo”) ein. Nein, es muss sich um Typen von den gewaltbereiten Rändern der jeweiligen Ultraszene handeln. Und jetzt muss doch über den Ost-West-Gegensatz gesprochen werden: In den neuen Bundesländern gibt es bei praktisch jedem Verein mindestens eine rechtsradikale Ultra-Gruppierung. Und das ist kein Zufall, denn die Neofaschos im Osten nutzen den Fußball und die Ultra-Bewegung ganz gezielt zur Rekrutierung. Das ist in den alten Bundesländern anders. Hier gab es umfangreiche, rechtsradikale Ultra-Gruppen (z.B. “Borussen-Front” beim BVB, “Adlerfront” bei Eintracht Frankfurt), aber die haben an Bedeutung verloren. Was aber mit einem weiteren Phänomen der Ultra-Bewegung zusammenhängt: Kein Fan ist wirklich lange Ultra. Wer voll berufstätig ist, kann kaum als echter Ultra agieren – deshalb bestehen die Ultra-Gruppen meist aus Schülern und Studenten mit einem gewissen Anteil an Arbeitslosen. Das typische Ultra-Alter liegt bei etwa 17, 18 bis maximal 25, 26. Länger als zehn Jahre wird kein Ultra aktiv sein.

Ich finde, dass die Ultra-Bewegung (die hierzulande immer wieder gern den italienischen Kollegen nachzufeiern versucht) entweder von selbst drauf kommen muss, dass ihr keine Privilegien zustehen, oder dass die Vereine in der Kooperation – so sie denn gibt – vorsichtiger sein sollten. Zumal es ein Gegenmodell gegen den Ultra italienischer Prägung gibt: Den Supporter englischen Stils. Im Gegensatz zu den Ultras verstehen sich die Supporter als Interessenvertreter ALLER Fans und beteiligen sich gar nicht an körperlichen Auseinandersetzungen. Supporter-Clubs bieten Auswärtsfahrten an und sorgen dafür, dass Fans ihre Emotionen loslassen dürfen. Zum Beispiel durch die Forderung nach ausreichend vielen Stehplätzen oder durch die Verwaltung von Fahnen etc. Ich denke, das Modell “Supporter” (das bei vielen Erstligavereinen sehr erfolgreich funktioniert und dort auch den eher körperbetonten Fans den Raum nimmt…) wird sich mittelfristig durchsetzen, die Ultra-Bewegung wird nach und nach in sich zusammenfallen. Und das ist auch gut so.

Infos zum Selbstverständnis von Supportern: PROFans


[ von Rainersacht um 14:02 in fussball ] [ 03496 x gelesen ] [ dazugesachtes nicht möglich ] [  ]

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