gesachtes vom 11.06.2007

Afrika … ich kann’s nicht mehr hören!

Zwangsimpfung in Deutsch-Südwest
“Aber wir dürfen Afrika doch nicht vergessen!, werden da all die Mitfühlenden klagen. Afrika vergessen? Haben wir das denn jemals getan? Der Mythos, Afrika sei ein vergessener Kontinent ist unausrottbar. Auch wenn die Phrase hohl ist, wie schon 1993 der Politikwissenschaftler Siegfried Kohlhammer (’Auf Kosten der Dritten Welt’) eindrucksvoll belegt hat. Die Behauptung, schreibt Kohlhammer, ‘die Mehrzahl der Menschen in den Industrieländern verschlössen ihre Augen vor dem Elend der Dritten Welt, ist bestenfalls eine gedankenlose Floskel’.
Wer erinnert sich nicht an die Bilder aus Biafra, Äthiopien oder Somalia? An Spendengalas, Live-Aid-Konzerte oder Bob Geldofs larmoyante Auftritte neben Polit- und Showgrößen? An die Lebensberichte von Kindersoldaten (Sierra Leone) und möglichen Kindersoldatinnen (Eritrea)? An das Elend der weißen Massai, die es nicht nur monate- oder jahrelang in die Bestsellerlisten geschafft hat, und deren Schicksal als Film mittlerweile auch die Kinocharts stürmte? Wer hat nicht alles Blood Diamonds gesehen oder unsägliche ZDF-Schnulzen mit Iris Berben? Tierdramen. Daktari. Madonna in Malawi und George Clooney in Darfur und Katja Riemann im Kongo. Und immer wieder Henning Mankell und immer wieder Karlheinz Böhm.”
(Quelle: Kommentar von Thilo Thielke auf SpON vom 11.06.2007)

Das ich das noch erleben darf, dass ein Kommentar auf Spiegel Online klug geschrieben ist und dann auch noch mit meiner Wahrnehmung und Meinung übereinstimmt! Ja, ich sag’s nochmal: Ich kann das Gejammer um Afrika nicht mehr hören! Ich kann diese Sprechblase der VIPs und Promis nicht mehr hören, man müsse auf das Elend dort aufmerksam machen. Aus der Liste der Stars, die Thielke aufzählt, würde ich gern Karlheinz Böhm ausnehmen – dazu später mehr. Dafür würde ich den inzwischen weitestgehend grönemeyerisierten Campino, das Bürgerjüngelchen, dass mal den Punk gab und jetzt den Gutmensch, hinzufügen. Der hat sich unlängst und in Vorbereitung des Bonogeldofhörbie-Spektakels mal nach Somalia beamen lassen, um verhungerte Babies mal in echt zu sehen. Das macht betroffen, das gibt Schmalz auf die Stimme, da dröhnt Betroffenheit.

Zurück zum Anlass. Ein alter Freund berichtete dieser Tage über eine Afrikareise, bei der eine internationale Projektgruppe aus dem Bereich der Solarenergie begleitete. Ziel der Übung ist es, die Hütten auf dem Land – insbesondere in Äquatorialafrika, wo es jeden Abend um sieben schlagartig dunkel wird – mit Solarpaneln auszustatten, die Strom für LED-Lampen liefern. Mein Kumpel war natürlich von der Armut erheblich beeindruckt, aber eben nicht im sentimentalen Arme-Negerkinder-Sinne. Seine Gespräche mit den einheimischen Mitarbeitern bestätigen, was Thielke sagt (und die Afrikaner Wole Soyinka, Andrew Mwenda und James Shikwati schon seit Langem): Die Menschen verelenden nicht, weil zu wenig Entwicklungshilfekohle fließt, sondern weil sie von ihren Herrschern in einem Maße ausgebeutet ist, dass sich Europäer kaum vorstellen können. Weiter sagte er, dass der Bildungsmangel so extrem ist, dass selbst alte afrikanische Kulturtechniken in der Landwirtschaft in Vergessenheit geraten. Und so weiter. Unterm Strich kann es nur heißen: Geld aus der ersten Welt nach Afrika zu pumpoen, verschlimmert die Lage.

Warum ich Karlheinz Böhm aus der Jammerpromiliste haben wollte? Weil dessen Projekte exakt den einzig richtigen Ansatz verfolgen. “Menschen für Menschen” geht in die Dörfer und bindet die Einwohner massiv in die Projekte ein. Findet sich kein Einheimischer, der mitarbeiten will, wird das Projekt abgebrochen. Es geht bei jedem Projekt ausschließlich um Selbsthilfe. Und: Es gibt keine Verwaltung vor Ort in Afrika, die korrupte Strukturen aufbauen könnte wie das bei den großen Hilfsorganisationen in schlimmstem Maße geschieht. Korruption ist, was die Menschen in Afrika an Hunger und heilbaren Krankheiten sterben lässt. Korruption, die IMMER zugunsten schwarzer Arschlöcher abläuft, die eine europäische Ausbildung genossen haben, in Europa aufgewachsen sind oder sich europäische “Wertmaßstäbe” angeeignet haben. Die korrupten Afrikaner sind die wahren Erben der Kolonialmächte – sie trinken das Blut der eigene Brüder und Schwester. Ja, so pathetisch muss man das mal ausdrücken!
Jeder Dollar, jeder Euro, die ganze Kohle, die – auf welchem Wege auch immer – in Geldform nach Afrika fließt, stabilisiert die korrputen Systeme und verschlimmert die Lage der Menschen. Diese ganzen Spendenstricher und -schnatzen, die hier auf allen Kanälen rumheulen, weil sie persönlich betroffen waren, als sie zum ersten Mal einen sterbenden Säugling sahen oder auf dem Arm hatten, die sollten einfach mal das Maul halten und uns nichts von Afrika vorplärren.


[ von Rainersacht um 10:17 in diewelt ] [ 03876 x gelesen ] [ es wurde 11x was dazu gesacht ] [  ]

es wurde 11x was dazu gesacht

  1. So richtig die Analyse (Entwicklungshilfe fließt (zu oft) in korrupte Strukturen und kommt den Falschen zugute) vermutlich ist, so widerlich ist der letzte Satz dieses Aufsatzes: “Diese ganzen Spendenstricher und -schnatzen, die hier auf allen Kanälen rumheulen, weil sie persönlich betroffen waren, als sie zum ersten Mal einen sterbenden Säugling sahen oder auf dem Arm hatten, die sollten einfach mal das Maul halten und uns nichts von Afrika vorplärren.”.
    Leuten vorwerfen, daß der Anblick von Elend sie dazu bewogen hat sich gegen dieses Elend zu engagieren (der Erfolg/die Wirkungslosigkeit der angesprochenen Grönemeyer-Veranstaltung ist ja noch gar nicht abzusehen)finde ich mal richtig schäbig!
    Bin mal gespannt ob die Welt besser wird, wenn der große, abgeklärte Rainer das Heft in die Hand nimmt! Talk is cheap – kann ich da nur sagen.

    [ gesachtes von olafsachtauchwas am 12.06.2007 um 11:03  ]

  2. Och, Olaf, da hast du aber auch nur das gelesen, was in deine persönliche Betroffenheit passt. Meine “Analyse” sagt nicht nur, dass Entwicklungshilfe in falsche Strukturen fließt, sonder das staatliche Entwicklungskohle die Zustände verschlimmert und dass das Geld, das die Spendenstricher und -schnatzen erplärren nur eine Hilfsindustrie befeuert, die den Menschen, die Unterstützung brauchen, nichts, aber auch GAR NICHTS bringt. Ob das was Geldbonohörbiecampi da veranstalten, Engagement gegen Elend ist, wage ich zu bezweifeln. Für einen Musiker ist ein Engagement immer noch etwas, an dem ER Geld verdient.

    [ gesachtes von Rainersacht am 12.06.2007 um 11:29  ]

  3. die leidliche frage was mit den geldern passiert kotzt mich an. was erwartet man denn ?
    dieses arrogante selbstverständnis, welches von bananenstaaten transparenz fordert ist haltlos.
    korruption und veternwirtschaft sind doch schon in der 1. welt fast überlebensnotwendig und da muß man erst gar nicht nach mannesmann, weltbank und co. schielen oder bekommt man hier etwa jobs ohne beziehungen, wäre mir neu.

    es stellt sich auch die frage, welche rolle wir der kunst, oder in diesem fall dem entertainment zu kommen lassen.
    ich erinnere an die afrika ausstellung remix im ehrnhof 2004. bei dieser galt es ein bild des kontinentes zu vermitteln welches eben nicht nur auf kindersoldaten, leichenbergen oder dürreopfern beruht.
    dennoch: wer angesichts des unfaßbaren leids anfängt zu singen, soll es doch – wenn er kann.
    nur eben nicht in rostock sondern in den regionen vor ort. schaden tut es erstmal nicht.

    [ gesachtes von 4711 am 13.06.2007 um 10:33  ]

  4. Ich empfehle als Ausgangsmaterial für diese Diskussion den hervorragenden Artikel in der ZEIT 24/07 (leider nicht online) Von Bartholomäus Grill “Afrika: Können die G8-Staaten dem Kontinent helfen?” auf Seite 5.

    Dort wird klar festgestellt, dass Hilfe für Afrika sinnvoll nur Hilfe für das ländliche Afrika sein kann, für die Bauern. Dass nur dezentrale Projekte helfen und dass die Frauen die wahren Träger der Entwicklung sind. Den afrikanischen Städten ist ganz offensichtlich nicht mehr zu helfen. Und Gelder von Staat zu Staat verschlimmern die Situation, weil sie die korrupten Bonzen stärken.
    Und: Die EU muss ihren Agrarprotektionismus abschaffen, damit afrikanische Länder landwirtschaftliche Produkte exportieren können.

    Mit dem allen hatte die Kirmes von Rostock wenig zu tun.

    [ gesachtes von Rainersacht am 13.06.2007 um 10:50  ]

  5. Manchmal denke ich ja, Afrikas Problem liegt darin, einfach zu viele Rohstoffe haben. Jeder Warlord findet da seinen Ausrüster-Spekulanten, der auf dessen künftige Macht und Schürfrechte pokert.

    [ gesachtes von Chat Atkins am 13.06.2007 um 11:31  ]

  6. Ok, wenn Du sagst, das ganze war eine Kirmes, muß man Dir wohl zustimmen. Du mußt aber auch zugeben, daß eine Kirmes , im Gegensatz zu einem entwicklungshilfepolitischen Seminar (von Dr.Dr. Rainer ;) ) ein paar mehr Leute erreicht und zwar möglicherweise auch welche die sich sonst NIE mit dem Thema beschäftigt hätten. Das sollte man nicht einfach so wegwischen! Vielleicht kommen die ja danach in Dein Seminar und lernen wie es richtig geht. Und wenn Du sagst, “Für einen Musiker ist ein Engagement immer noch etwas, an dem ER Geld verdient.”, dann mag das in dem einen oder anderen Fall stimmen (ich kann in Herbert und Bob nicht reingucken). Die Frage lautet in dem Fall aber: Mit welchem Engagement? Ich meine, sie könnten ja auch für “national befreite Zonen” (*igitt*) trommeln. Nebenbei: Weißt Du schon wie das “Herby-Aid”-Geld verwendet wird?

    [ gesachtes von olafsachtauchwas am 13.06.2007 um 11:58  ]

  7. Lieber Olaf, mit welchem Ziel soll ich “ein paar mehr Leute” erreichen? Dass die anfangen, wie blöde zu spenden? Und dann? Nehmen wir mal an, man habe 1 Mio für Afrika gesammelt. Gibt man die an eine der großen Hilfsorganisationen, dann kommen nach deren eigenem Bekunden rund 80% ~ 85% in Afrika an. Vom Rest werden ordentliche europäische Familie qua Gehalt ernährt. In Afrika selbst werden weiter 10 bis 20 Prozentpunkte für Verwaltung ausgegeben. Davon werden die dort arbeitenden Europäer und die ganz wenigen, in Europa ausgebildeten Afrikaner bezahlt. Bleiben noch 600.000 bis 700.000 Euros. Damit ein Projekt überhaupt stattfindet, muss davon zwischen einem Viertel und einem Drittel an Schmiergeldern gezahlt werden, sonst geht gar nichts. In Projekte vor Ort fließen also maximal 570.000 EUR, eher aber nur 400.000 EUR. Das ist die Realität der Hilfsindustrie und ihrer Spendensammelclowns.

    Andererseits: Staaten wie Nigeria verdienen soviel mit ihren Rohstoffen (in diesem Fall Öl), dass innerhalb von zwei, drei Jahren eine gute Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur MIT EIGENEN MITTELN aufgebaut werden könnte. Angola hat in den letzten vier Jahren dank Rohstoffen ein Wirtschaftswachstum von 264% hingelegt. Wo landen die Überschüsse? Vorwiegend bei Bonzen, die der Ersten Welt die Ausbeutung der Bodenschätze erlaubt und dafür von deren Vertreter gestützt werden. Das ist die Realität auf dem angeblich “vergessenen Kontinent”.

    Entwicklungshilfegelder fließen aber z.B. auch in Saatgut, das bessere Ernten ermöglicht. Davon profitiert weltweit zu über 80% der Monsanto-Konzern, der dieses Saatgut liefert. Das Zeuch hat einen Haken: Im Gegensatz zu den vorhandenen Nutzpflanzen sind sie steril. Das heißt: Bauern können nicht einen Teil der Ernte für die Aussaat verwenden, sondern müssen jedes Jahr aufs Neue bei Monsanto kaufen (lassen).

    Thema Aids: Die Pharmakonzerne weigern sich, Generica herstellen zu lassen, also Präparate, die genauso gut wirken wie die eigenen, aber mangels Patentabgaben zu einem Bruchteil der Kosten hergestellt werden könnten. Die Patente werden von den G8-Staaten mit maximalem Aufwand geschützt.

    Klein-Fritzchen denkt ja gern: Mönsch, wenn die Negerbabies hungern, dann müssen wir das Lebensmittel hinschicken, wir ham ja genug. Das mag in Einzelfällen, nach Naturkatastrophen und in Kriegszeiten richtig sein (wobei die Kosten für die Logistik, an denen westliche Firmen verdienen, meist bei 60% bis 90% des Aufwands ausmachen), in “normalen” Zeiten macht es die Menschen jedoch nur träge und abhängig.

    Afrika mit dem Wirtschaftswachstum einer Reihe von Ländern könnte sich selbst ernähren, wenn a) die Rohstoffe in eigener Regie ausgebeutet und vertickt würden, wenn b) auf der afrikanischen Kultur basierende politische Strukturen (Ältestenräte etc.) eingeführt würden, wenn c) Handelsschranken der westlichen Länder für Agrarprodukte fallen würden, wenn d) Bildungs- und Gesundheitswesen mit den Einnahmen aus den Rohstoffen aufgebaut würden. Dabei können weder die Staaten, noch die großen NGOs wirklich helfen. Also weder Spenden, noch Entwicklungshilfegelder.

    [ gesachtes von Rainersacht am 13.06.2007 um 12:26  ]

  8. “sonder das staatliche Entwicklungskohle die Zustände verschlimmert”

    Das ist zu allgemein. Es gibt sehr wohl Entwicklungshilfeprojekte, die Sinn machen. Dabei wird vor Ort zusammen mit Einheimischen was aufgebaut und in Workshops wird Know-How vermittelt, ich denke da speziell an ein Wiederaufforstungs-Projekt in Westafrika, das mein Schwager jahrelang geleitet hat.

    Man kann zwar nur mit Politik gegen die korrupten Systeme was erreichen, aber es ist keine Alternative die Leute ganz im Stich zu lassen. Ich kann mir vorstellen, dass selbst das eine oder andere Projekt von Prominentnen was bringt, wenn es überschaubar bleibt und sich jemand vor Ort richtig darum kümmert, wie eben Karlheinz Böhm es gemacht hat.

    [ gesachtes von loreley am 13.06.2007 um 13:46  ]

  9. Ja, Loreley, das habe ich ja oben schon gesagt: Dezentrale Projekte unter maximaler Beteiligung der Betroffenen sind hilfreich, keine Frage. Gerade die Böhm’sche Initiative hat in Äthopien große Verbesserungen ermöglicht.

    Aber das Dilemma liegt ja schon in deinem Satz “das mein Schwager jahrelang geleitet hat”. Wenn ein solches Projekt jahrelang von einem Europäer geleitet werden muss, dann ist doch schon der Wurm drin. Denn im Umkehrschluss bedeutet das doch, dass man keine Afrikaner findet, die gut genug ausgebildet sind, die Leitung zu übernehmen. Gut ausgebildete Afrikaner bleiben in Europa oder USA oder werden Teil der korrupten Cliquen.

    Für mich ist einer der wichtigsten Schritte einer Weltpolitik, die Afrika hilft den Kontinent selbst erfolgreich zu gestalten, der Kampf gegen die Despoten und Wirtschaftsberbrecher bzw. die volle Unterstützung der Kräfte, die gegen korrupte Strukturen kämpfen. Wären mehr afrikanische Staaten demokratisch (auf Basis der jeweiligen kulturellen Traditionen, nicht unbedingt im westlichen Sinne…) verfasst, könnte sich der Kontinent seine Probleme größtenteils selbst lösen.

    [ gesachtes von Rainersacht am 13.06.2007 um 14:08  ]

  10. Ja, das ist wahr. Ganz anders als in Asien. Mentalitätsfrage wahrscheinlich.

    [ gesachtes von loreley am 13.06.2007 um 14:29  ]

  11. ich weiß nicht recht!
    irgendwie fummelt mir der westen da überall zu viel rein um das analysieren zu können

    [ gesachtes von Schmalz am 29.04.2008 um 11:01  ]

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