gesachtes vom 29.06.2007

Football’s going home

Einen Hauch Schadenfreude in Bezug auf den Pfaumentreter und ihre mit Brot & Spielen zu begeisterten Event-Fans kann ich mir grad nicht verkneifen: Die National Football League (NFL), der Dachverband der US-amerikanischen Besitzer von American-Football-Teams, hat bekanntgegeben, dass der Ableger NFL Europa den Löffel abzugeben hat. Und zwar sofort. Damit findet der 15-jährige Versuch, die Zuschauer mit Kommerzkacke zu verblöden, sein verdientes Ende.

Ich muss dazu sagen, dass ich den SPORT American Football wirklich sehr gerne mag, dass ich mir schon seit Jahrenden die Übertragung des Superbowl nicht entgehen lassen, auch wenn das eine eigentlich notwendige Nachtruhe von Sonntag auf Montag kostet. Ja, ich bin sogar sowas wie Fan der Dallas Cowboys. Ich gestehe des weiteren, dass ich mir bis 2002 mehrere Spiele des hiesigen Teams namens Rheinfire (das so heißt, weil die Hotdogfresser Düsseldorf weder schreiben noch aussprechen können) angeschaut habe und dass es sogar Spaß gemacht hat. Legendär das Match gegen die Amsterdam Admirals bei strömendstem Regen im alten Rheinstadion vor über 50.000 Leuten – von denen aber maximal ein Viertel ein Basisverständnis für die Regeln hatte. Und weil eben vorwiegend das handelsübliche Fun-lite-Gesocks zu den Begegnungen pilgerte, das gleiche beschissene Pack, das meint, die Düsseldorfer Altstadt wäre eine Ganzjahreskirmes, auf der sie die Sau rauslassen können, hab ich’s drangegeben. Der Umzug von Rheinfire – ausgerechnet in die auf ewig meisterschaftslose Schalke-Schüssel – nach dem Abriss des geliebten Rheinstadions hat mir den Rest gegeben.

Trotzdem ist die Historie dieser Liga ein Lehrstück für den inhärenten Kulturimperialismus des doofen Teils der amerikanischen Bevölkerung. Es begann im Jahr 1991 mit einer Konstruktion namens World League. Aus dieser Zeit stammt der Name des Pokals, der vor wenigen Tagen zum letzten Mal verabreicht wurde. Damals trat eine Reihe Retortenteams gegeneinander an, wobei der hochtrabende Name damit gerechtfertigt wurde, dass auch vier Mannschaften mit Sitz in den USA teilnahmen. Ich erinnere mich an eine Filiale namens Birmingham Steel, die heute als Birmingham Steel Dogs in der AFL2 (entspricht der Regionalliga im richtigen Fußball) dümpelt. In Europa hatte man auf Basis aufwändiger Marketingrecherchen vier Städte als Sitz für Football-Events auserkoren und folgende Teams gegründet: Scottish Claymores in Edinburgh, die London Monarchs, die Barcelona Dragons und die Frankfurt Galaxy. Irgendein chancenloser Privatsender, der längst verschieden ist, übertrug die Spiele. Ich hatte zuvor – in der Glanzzeit der Düsseldorf Panther – ein paar Mal American Football live gesehen und war von den Begegnungen angetan.
Tatsächlich erwies sie die Konstruktion aber als Vollflop. Zwar kamen gerade in London und Frankfurt im Schnitt rund 20.000 Zuschauer, aber die nordamerikanischen Teams spielten vor leeren Sitzen. Die Reisekosten für die Überseespiele gaben dem Konzept den Rest, und so stampften die Geldgeber das Projekt nach der zweiten Saison ein, um es im Jahr 1995 mit einer rein europäischen Liga zu versuchen. Zu den vier “Traditions-Teams” kamen die Niederlassungen in Amsterdam und in Düsseldorf. Es begann die goldene Ära der NFL in Europa – nicht zuletzt dank der großen Popularität in Frankfurt und Düsseldorf. Deutsche Football-Fans hatten damals noch die Hoffnung, der Anteil heimischer Spieler würde stetig steigen und so auch Deutschen den Weg in die echte NFL freimachen. Pustekuchen, die Chefs der Filialen drüben verfolgten zwei sich widersprechende Ziele: Die NFL Europe so zu sagen als Farm-League zu nutzen, um neue Spieler an die NFL heranzuführen, und American Football in Europa zu einer führenden Sportart zu machen. Tja, die Herren, man kann den Kuchen nicht essen und haben, sacht man da wohl.

Jedenfalls nahm das Zuschauerinteresse außerhalb Deutschlands ab 2000 so dramatisch ab, dass zuerst die London Monrachs den Arsch zukniffen, dann Barcelona kapitulierte und auch die Claymores keinen Bock mehr hatten, vor 5.000 gelangweilten Schotten aufzutreten. Jahrelang war von einer Ausweitung geschwafelt worden, und die Fans dachten, dass bald Rom und Athen oder Helsiniki mitspielen würden. Da der Gesamtladen aber ausgesprochen defizitär war, beschloss man, die Wege zu verkürzen und neue Filialen in Deutschland zu gründen. So kam Berlin Thunder hinzu, dann die Cologne Centurions und die Hamburg Sea Devils. Der Begriff “Nationals”, der ursprünglich Spieler meinte, die einen Pass des Landes hatten, zu der ihre Teamstadt zählte, wurde umdefiniert: Alle Nicht-US-Amerikaner (Japaner, Mexikaner etc ppp) galten als Nationals. Zu allem Überfluss begann man, die Team im Hinblick auf die NFL-Saison nach dem Ende der nur zweimonatigen NFL-Europe-Zeit komplett auseinanderzupflücken, sodass jegliche personelle Kontinuität abhanden kam. Das schmeckte den Fans zunehmend genauso wenig wie die immer gleichen Hamburger & Hotdogs, die vor jedem Spiel im Rahmen eines Familienvergnügens (Du weißt schon: Hüpfburg, Bullriding, Trampolinbungee, Kinder bemalen und was an Leuteverarschungssachen noch so gibt…) für zunehmend mehr Geld ausgeschenkt wurden. Das einzige Team, das von 1991 an eine echte, lebendige Fanszene entwickelt hatte, war die Galaxy aus Frankfurt. Auch bei Rheinfire und den Admirals konnte man von “Fans” sprechen, beim Rest füllten die Dumpfbratzen die Plätze, die jedem neuen Vergnügungsscheiß hinterherrennen, aber genauso schnell wie sie gekommen sind wieder wegbleiben.

Für mich wird die NFL Europe für immer mit einem Mann verbunden sein, der vier Jahre lang als Kicker für Rheinfire antrat und in diesen vier Jahren jeweils der weltweit älteste Football-Profi war: Manni Burgsmüller. Dem Manne allein gehört eine Hohl off Fehm eingerichtet. Der Rest?


[ von Rainersacht um 19:08 in diewelt ] [ 01147 x gelesen ] [ es wurde 2x was dazu gesacht ] [  ]

es wurde 2x was dazu gesacht

  1. Da verhält es sich für mich ähnlich wie beim Fußball: Support your local team! Auch wenn die Panther mittlerweile wieder in der 2. Liga spielen, so schau ich mir lieber deren Spiele an als RF, weil bei den Panthern wird Football mit Herz gespielt. Ich war früher auch bei RF, aber seit dem letzten Spiel im ehrwürdigen Rheinstadion habe ich mir kein Spiel mehr live angeschaut. Mich haben auch immer die Leute angekotzt, die stinbesoffen vor mir auf der Tribüne saßen und bei Angriffsrecht für das Heimteam Alarm gemacht haben…keine Ahnung von nix die Bratzen! In den letzten 3-4 Jahren ist das Niveau der Teams gefallen, weil die NFLE halt nicht als Talentschmiede galt, sondern als Geschäft.

    P.S. Das Team aus Birmingham (USoA) hieß im übrigen auch Fire, in deren Kader u.a. Andreas Motzkus,langjähriger Panther- und auch RF-Akteur.

    [ gesachtes von Weed am 30.06.2007 um 00:10  ]

  2. Ich bin Sympathisant der Chicago Bears

    [ gesachtes von 42na95 am 30.06.2007 um 05:15  ]

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