
Eigentlich ist unser Innenhof ein idyllischer, ruhiger Ort. Nur manchmal an den Wochenenden hallt stumpfes Grunzen durch den Block, tierisches Brüllen und gesangsartige Einlage a la Fußballfan. Das liegt daran, dass es hier zwei Hotels gibt, die recht preisgünstig sind. In denen versammeln sich inzwischen regelmäßig Testosteron-Rudel zum gemeinsamen Hormonfestival. Diese etwas unterhalb des Homo Sapiens angesiedelte Species ist leicht zu erkennen: Die Indviduen tragen einen Schwanz in der Hose und denken fortwährend an diesen, sie sind mit Cargo-Bermudas, T- und Polo-Shirts sowie fetten Sneakers bekleidet und haben entweder einen Flattop am Kopp oder eine Strichertolle (= nach oben gegelter Minihahnenkamm). Gesichtstechnisch fungieren sie als Mahnmale gegen Alkoholmissbrauch, und aus ihren Mündern dringen verwaschene Laute, mit denen sie sich untereinander verständigen, die aber oft nicht einmal ausreichen, um ein Bier zu bestellen. Es handelt sich also um so genannte “Picos”. So nennt man hierzustadt den gehirnreduzierten Jangster zwischen sechzehn und achtundzwanzig, der im Fall der alkoholischen Unterernährung aggressiv auftritt und bei Überfüllung ebenfalls. Der Pico ist zutiefst davon überzeugt, dass ihm der Besitz eines männlichen Genitals – und sei es noch so kurz geraten – über den Rest der Menschheit erhebt und er dadurch das Recht erworben habe, alle anderen Menschen mit seinem dumpfen Treiben zu terrorisieren. In diesem Bewusstsein verbringt der Pico die Zeit zwischen dem Abgestilltwerden und der eigenen Verehelichung im Zustand einer breit angelegten Pubertät.
Leider ist das Hotel drei Häuser weiter seit gut zwei Jahren beliebtes Ziel der Picobanden. Leider muss ich am Eingang dieser Herberge vorbei, wenn ich mit dem Hund raus gehe. An Samstagen lungern sie dann im besagten Eingang oder auf dem Gehweg davor und warten darauf, dass es losgeht. Dass es Picos sind, erkenne ich schon an einem Ritual. Sieht einer unsern Windhund, sagt er “Boah, der iss aba dünn” und alle anderen lachen. Das ist ein weit verbreitetes Stammesritual der Picos, der mit Witzischkeit nichts zu tun hat, denn sie lachen auch ohne erkennbare Pointe. Man muss sich das eher so vorstellen wie bei den Wechselgesängen der Sklaven auf den Baumwollfeldern. Einer sagt einen Satz, die anderen lachen. Dann sagt ein anderer einen Satz und wieder lacht der Rest. Oft ist das inhaltlich schwer zu verstehen, denn der Pico nutzt a) einen extrem restringierten Code und b) einen kryptischen Dialekt. Zum Beispiel: breiiges Tieflandkölsch, grunzendes Sauerländisch, flachköpfiges Münsterländisch, bellendes Niedersächsich und so weiter.
Was aber treibt die Picos zu ihren Resthirnentfernungsfestivals nach Düsseldorf? Es ist eine Unsitte namens “Junggesellenabschied” (kurz: JGA), die den guten alten Polternabend im Kreise der Lieben und großer Mengen Alkohols sowie Scherben zu ersetzen droht. Der wird bekanntlich koedukativ zelebriert, dem JGA dagegen ist dagegen eine quasi-islamistische Geschlechtertrennung zu eigen. Außerdem ist sein Ziel, die kleinbürgerliche bzw. kleinstädtische oder provinzlerische bis hinterwäldlerische Sau rauszulassen. Auf die verschiedenen Rituale mag ich nicht eingehen, sie drehen sich durchweg um Kaka & Pipi oder Tampon und Saufensaufen. Wird zu Beginn der Aktion nur der zukünftige Ehekrüppel der Peinlichkeit preisgegeben, findet selbiges mit zunehmender Alkoholisierung mit allen Mitglieder (sic!) der Truppe statt. Da die Männchen aber daheim in ihren stumpfen Ansiedlungen ortsbekannt sind grundfeige dazu, fürchten sie die soziale Isolation und verlegen den JGA grundsätzlich an Orte, an denen man sie nicht kennt. Außerdem muss ein solcher Ort das Potenzial für optimale Saubefreiung haben.
Entsprechende Tipps werden im Internet feilgeboten. Füttert man Herrn Google mit den Worten “Junggesellenabschied” und “Düsseldorf”, findet man etliche Seiten, auf denen meine kleine Stadt am Rhein dringendst als Veranstaltungsort empfohlen wird, auf die Hausbrauerei Uerige in der Altstadt verwiesen wird und ausführlich Berichte über erfolgreiche JGAs dortselbst geboten werden. Und so machen diese Minimalprimaten die eigentlich liebenswerte längste Theke der Welt an Samstagen zwischen 10 Uhr am Morgen und Mitternach plus X zu einem Vorort der Hölle im Dante’schen Sinne.
Da die gewählten Hotels meist günstig, also auch verkehrsgünstig gelegen sind, also eher wenig Ruhe bieten und die Picos natürlich sofort nach Eintreffen den nahegelegenen Aldis seines Hansa Pilses entledigt hat, welches in den Zimmern verzehrt wurde, also kurze Nächte entstehen, lungern sie recht früh vor ihrer Herberge. Bei uns ist zu beobachten, wie sie dann in ihren Cargohosen auf die gegenüberliegende Straßenseite stieren, wo eine Kaschemme angebracht ist, die außer den dort festgewachsenen Dauergästen niemand freiwillig frequentieren würde. Sie wittern Alkohol dort, und irgendwann staksen sie los, um dorthin zu gelangen. Nun muss man wissen, dass die Giftmeile, an der zu wohnen ich freiwillig entschieden habe, eine der verkehrsreichsten Straßen der Stadt, des Bundeslandes, der Republik, ja, vielleicht sogar des Universums ist. Da sie zudem als Ein- und Auslassventil für shoppingsüchtige Vorstadtknallis- und tussis dient, rasen die üblichen Tieferbreiterschnellerkarren, die Grünewitwen-SUVs, die kaum abzahlbaren Coupes und Klappcabrios mit durchschnittlichen 70, 80 kmh Richtung Kö oder mit Beute hochbeladen zurück nach Pulheim. Berschheim, Mettmann, Oppladen und was es an Dumpfmenschgehegen sonst noch im Umland gibt. Zudem befinden sich in der Mitte der Meile die Gleise der Straßenbahn. Bungee-Jumping an einer ollen Wäscheleine ist in Relation zum Überqueren der Fahrbahnen ein Kindergeburtstag. Aber sie nehmen das Risikos, die Picos, voll mit Restalkohol, frei von Hirn und den eigenen Pimmel immer vor Augen. Bisher hat es noch keinen erwischt, aber ich schwör: Das kann nicht mehr lange dauern!
Sie tanken also zwischen neun und zehn Uhr auf. Verlassen dann desorientiert die Kneipe, stolpern in irgendeine Richtung und fragen den nichtsahnenden Einkaufsbürger mit hiesigem Wohnsitz mit schweren Zungen in schwerverständlichen Idiomen “Wo geht’s zu Altstadt?”. Trifft es mich, verweise ich regelmäßig auf Gegenden, die möglichst weit entfernt von Rhein und Schlossturm liegen, Reisholz beispielsweise. Füge hinzu, dass es zu Fuß nicht weit sei und lasse sie in süd-östlicher Richtung lostappern. Notfalls können sie ja später einen Taxifahrer kapern, der ihnen für eine Fahrt von – sammerma – Lierenfeld zur Heinrich-Heine-Allee ungefähr das Vierfache dessen abknöpft, was ein Eingeborener zu latzen bereit wäre. Strafe muss sein, sage ich mir.
Zumal die Hodenträger sich inzwischen dem Anlass entsprechend eingekleidet haben. Sie haben sich gleichfarbige T-Shirts über die mehr oder weniger verformten Wampen gestreift, die mit lustichen Sschprüschen bedruckt oder -flockt sind. Wo beim Fußballprofi der Name angebracht ist, da heißt es beim JGA-Jünger “Marc’s (nie ohne Deppenapostroph!!!) Junggesellenabschied 2007″. Marc (oder Thommy oder Mischa, jetzt auch schon mal Kevin…) selbst muss etwas ganz besonders Lustisches anziehen; ein Ganzhasenkostüm z.B. oder eine rosa Kleid oder eine Unterhose über den Cargobermudas (Der Gipfel des Humors! UnterHOSE, mu-ha-ha-ha…). Im Verlaufe des Tages wird man ihn fortwährend zu Peinlichkeiten zwingen, denen meist harmlose Passanten als Opfer zu dienen gezwungen werden. Hier herrscht der soziale Druck des Dorfes, der Kleinstadt: Wer sich verweigert, wird als Spielverderber gebrandmarkt.
Wie angedroht: Sie fallen über die niedliche Altstadt her, die in diesen Stunden des Samstags eigentlich den Carlsplatzkunden, den einheimischen Flaneuren auf dem Weg zum Mostertkauf bei Bergrath und den Wochenendbierchentrinkern vorbehalten sein sollte. Es herrscht statt dessen nackter Spasssterror. Dass die Hormongeplagten außerhalb der Städte die Düsseldorfer Altstadt für eine Ganzjahreskirmes oder den deutschen Ballermann halten, sind wir ja gewohnt, deshalb wird ein Eingeborener die Altstadt an Freitag- und Samstagabenden meiden wie einen übelriechenden Scheißhaufen. Seit der JGA aber dieses beschauliche Fleckchen in Rheinnähe für sich entdeckt hat, sind die Tage schlimmer als die Nächte. Beliebtester Ausgangspunkt sind die Außenzapfstellen der Hausbrauerei Uerige. Ohne jetzt lange über die Spezifika des dort angebotenen Altbiers und der spezifischen Verhaltensweisen der dortigen Kellner ausschweifen zu wollen – Kotzattacken und Zusammenstöße sind vorprogrammiert. Die von der Mami zu spät Entstillenden, die ihr Leben lang oral fixiert bleiben werden, halten ja das Insichhieneinschütten von Bier für eine Leistung. Also trachten sie danach, sich gegenseitig zu übertreffen. Das mag am heimischen Tresen mit den üblichen dünnen, bierähnlichen Getränken (Kölsch, Pils, Lager, Biermixereien…) ja noch unfallfrei abgehen. Wenn aber ungeübte Bierafficionada auf das originale, echte Alt vom Uerigen trifft, dann ist das so, als würde jemand, der vom Eierlikör her kommt, erstmals einen Long Island Ice Tea schlürfen. Zumal das obergärige Bier anunpfirsich ja verdauungsfördernde, wenn nicht gar abführende Wirkung auf Neulinge hat. Demzufolge sieht man so ab circa 13 Uhr den JGA-Adepten reihenweise das karge Frühstück aus dem Gesicht fallen. Insider berichten, dass sie zudem etwa ab diesem Zeitpunkt auch die Brauereitoiletten weiträumig vollscheißen würden.
Dies alles kann dem Uerige-Köbes nicht gefallen, der ohnehin nur den Stammgast annähernd respektiert und alles, was weniger als vier Glas pro Stunde verzehrt, verachtet. Nach der ersten Kotzphase beginnt Pico gewöhnlich zu grölen. Er grölt, andere fallen ein, dann wird gelacht und Alkohol nachgetankt. Gern überziehen die Teilnehmer auch einen der anwesenden Köbesse mit Schmähgrölereien. Insbesondere dann, wenn ein Kellner den JGA-Burschen wegen Gesundheitsbedenken die weitere Zufuhr von Bier vorenthält. Insgeheim erwarten die Herren mit den blauen Schürzen auf handgreifliche Aktionen, denn dann haben sie eine begründete Handhabe, den auswärtigen Arschgeigen in denselben zu treten. Das kommt vor. Einmal sah ich, wie zwei jüngere Kellner mit durchaus eindrucksvollem Muskelwerk, einen besonders renitenten Pico hinter den Kühlwagen führten. Nach ein paar Minuten kamen sie zurück und wischten sich die Hände an den Schürzen ab. Der Abgeführte erschiend wiederum ein paar Minuten später; auf allen Vieren und mit ziemlich roten Gesichtsbäckchen. Strafe muss sein.
Da aber das Unwesen zunimmt und auch weibliche JGAs in die Stadt schwappen, plädiere ich für die Implementation eines offiziellen, städtischen Junggesellenabschiedsfängers (kurz: JGAF), dessen Aufgabe man sich ähnlich vorstellen darf wie die des Hundefängers früherer Jahre. Er ist beauftragt und befugt, JGA-Banden möglichst früh zu erkennen und im Idealfall direkt am Hotel abzufangen. Seine Helfershelfer stopfen die JGAisten dann in Hochsicherheitsbusse, transportieren sie in unwegsame Außenbezirke, wo man sicherheitsumzäunte Zelte aufgebaut hat, in die man den Fang entsorgt. Dort nimmt man ihnen alles Geld ab (EC- und Kreditkarten nicht zu vergessen). Im Gegenzug schenken dann wechselweise Düsseldorfer Hausbrauereien kostenlos ein speziell für diese Klientel gebrautes Alt – das stinkt wie Kölsch, schmeckt wie ein Mix aus Pils und Muckefuck und mit billigem Fusel parfümiert ist – aus, welches nach dem zweiten Glase bereits die oben geschilderten Kotz- und Kackattacken auslöst und so als eine Art Aversionstherapie fungiert. Die Opfer werden selbstverständlich medizinisch versorgt und nach der Genesung in ihre heimischen Ställe expediert. Eine solche Maßnahme würde sicher anfangs öffentliche Mittel erfordern, aber vermutlich innerhalb kürzester Zeit dazu führen, dass KEINE BLÖDE SAU mehr Düsseldorf als Austragungsort für JGAs empfiehlt – eher im Gegenteil.


Ich habe dich soeben als Bearbeiter für ‘Brehms Neues Tierleben’ notiert, Band XVII: ‘Rudelverhalten in der Düsseldorfer Steppe’ …
Übrigens: Auch ich glaube unverdrossen an den Affen im Menschen …
[ gesachtes von Chat Atkins am 10.06.2007 um 15:07 ]
Kenn ich gut – nur einige Jahre her und die “Teilnehmer” waren ein paar Jahrzehnte älter. Das ganze nannte sich dann “Kegeltour an die Ahr”.
[ gesachtes von Jürgen am 12.06.2007 um 10:37 ]
[...] und Dinge des täglichen Bedarfs kaufen, ignorieren grad die Provinzknallis, die uns mit ihren Junggesellenabschieden terrorisieren, vollkommen. Das Highlight des Lebensmittelkaufs ist sicher der Carlsplatz an der [...]
[ pingback von Rainer sacht » Mostert, nicht bloß Senf… am 15.01.2008 um 15:24 ]
[...] Deshalb hat amn auf eine neue Zielgruppe gesetzt: Das Reklamefenster wirbt ganz offensiv um Junggesellenabschiede. So tief ist das Solid Gold also gesunken, dass es sich von verklemmten Provinzspießern [...]
[ pingback von Rainer’sche Post » Das hiesige Rotlichtmilieu am 18.05.2008 um 14:02 ]
[...] Deshalb hat amn auf eine neue Zielgruppe gesetzt: Das Reklamefenster wirbt ganz offensiv um Junggesellenabschiede. So tief ist das Solid Gold also gesunken, dass es sich von verklemmten Provinzspießern [...]
[ pingback von Rainer’sche Post » Das hiesige Rotlichtmilieu am 18.05.2008 um 14:02 ]