
Blöd wie ich bin habe ich in den letzten Monaten immer wieder Nachtstunden vor der Glotze verbracht und mir Poker-Sendungen angeschaut. Auf Eurosport gab’s irgendeine europäische Tour mit “Profis”, auf dem Vierten einen bunten Mix aus irgendwelchen US-Showveranstaltungen, Studentenwettkämpfen und Amateurturnieren, deren Sieger sich für das Schörmän Näschänäll Tiem qualfizierten. Auch der unausweichliche Raab ist auf den Hype aufgesprungen und lässt einmal im Monat (glaub ich…) einen Poker-Abend übertragen. Ganz ehrlich, als alter Spielfreak (nix Video- und Computergames, gern Kartenspiele, Schach und so Doofheiten wie Kniffel…) bin ich guten Willens an das Thema herangegangen. Obwohl mich monatelanger Spam von Online-Casinos für die berüchtigte Variante Texas Holdem, die ja mittlerweile stellvertretend für das Pokern schlechthin steht, tierisch genervt hat.
Die Geschichte der Poker-Sendungen im TV ist wieder mal ein klassisches Beispiel für einen Hype. Bevor Herr Moneymaker als Amateur eine Million Dollar gewann, hat Otto Normalspieler dieses Glücksspiel ja eher in der Schmuddelecke gesehen. Oder, angeregt durch ältere Filme, als Einkommensquelle für Halbseidene, Glücksritter und Spielsüchtige. Ich finde, das gehört Poker auch wieder hin. Denn a) ist Texas Holdem ein reines Glücksspiel und b) nur dann nicht öde, wenn um größere Summen Echtgeldes gezockt wird.
[Achtung! Es folgt ein mordsmäßig langer Beitrag!]
Wie aber ist der Boom entstanden? Natürlich ist mal wieder das Internet schuld. Ich muss dazu sagen, dass ich über Jahre, wenn auch peripher, beruflich mit dem Thema “Online-Gambling” zu tun. Bereits Ende der Neunziger (bzw. ab etwa 1997) entstanden die ersten Online-Casinos. Wer über einen Eingang zum weltweiten Wepp verfügte, konnte per Internet zocken. Das war allerdings nicht besonders witzig, denn für echtes Echtzeitspielen waren die Datenautobahnen noch zu langsam. Deshalb beschränkte sich das Angebot im Wesentlichen auf Roulette und Black Jack – und zwar nur gegen das Casino. Erst mit der Verbreitung echter Breitbandverbindungen wurde das interaktive Zocken wirklich möglich. Aber auch Pokern, das ab etwa 2001/2002 angeboten wurde, konnte man zunächst nur gegen “den Computer”. Auch das zog keine größeren Massen an, zumal damals die meisten Online-Casino-Betreiber als unseriös galten und kaum jemand so recht darauf vertrauen wollte, dass alles korrekt ablief. Zwar gab es in jenen frühen Tagen (grins) auch eine Menge schwarzer Schafe, aber insgesamt und inzwischen flächendeckend muss die Gambling-Branche als die Spitze der Seriosität und Korrektheit im gesamten E-Commerce betrachtet werden. In keiner anderen Branche werden die Sicherheitsrichtlinien so strikt befolgt wie hier, nirgendwo sonst sind Technik und Zahlungsverkehr so sauber wie beim Internet-Zocken. Ich würde also sagen, man kann – wenn man denn unbedingt will oder muss – ohne Angst, übers Ohr gehauen zu werden, in den bekannteren Online-Casinos spielen.
Neben der kleinen, exklusiven Szene der Poker-Profis und reichen Amateure (ein Geschäftsmann aus Hongkong soll im Jahr 2000 in einem speziell für ihn und seine Kumpanen eingerichteten Casino auf einem umgebauten Frachter, der vor der kalifornischen Küste kreuzte, gegen vier der zehn besten Poker-Profis angetreten sein und innerhalb von 144 Stunden, in denen praktisch rund um die Uhr gepokert wurde, mehr als sieben Millionen Dollar verloren haben…), die sich in so genannten Cash-Games, bei denen jeder Chip tatsächlich seinen Wert in harten Dollars repräsentiert, messen, gibt es seit der Renaissance von Las Vegas in den frühen neunziger Jahren auch erste große Turniere. Dabei zahlt jeder Teilnehmer eine Gebühr und bekommt dafür eine festgelegte Menge Chips. An Tischen zu sechs oder acht Spielern wird gegeneinander gespielt, wer seine Chips los ist, scheidet aus. Ab einer bestimmten Position (meist ab Rang 32 aufwärts) gewinnen die verbleibenden Zocker dann immer größere Anteile von der Gesamtsumme der Teilnehmergebühren. Erfunden haben das die Not leidenden Casinos in Vegas Ende der siebziger Jahre mit dem Ziel, Touristen anzulocken, die sich das Turnier ansahen und nebenbei ihre Kohle am Automat oder beim Black Jack verloren. Deshalb wurden die Profispieler auch heftigst umworben und umsorgt (und mussten meist auch keine Teilnahmegebühr entrichten). Es war derselbe Effekt, der im klassischen Casino dafür sorgt, dass (registrierte) Profizocker freien Eintritt haben und Drinks an der Bar umsonst kriegen. Gespielt wurde übrigens eher Draw- oder Stud-Varianten. Aus dieser Zeit stammen übrigens die alten Säcke von 70 Jahren aufwärts, die heutzutage den Show-Turnieren gern als schmückendes Beiwerk zugeteilt werden.
Sehr plötzlich und aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen wurden die Holdem-Varianten populär. Ich vermute, dass dies damit zusammenhängt, dass sich diese Spielarten im Online-Bereich technisch leichter zu handeln sind. Dass die Poker-Übertragungen im Fernsehn fast ausschließlich Texas Holdem zeigen, hat was damit zu tun, dass dabei die Regeln extrem simpel, die Runden kürzer und die Handlungen der Spieler für fast jeden Deppen nachvollziehbar sind. In Online-Casinos werden Stud-Varianten so gut wie gar nicht gespielt, Draw-Poker selten, also vorwiegend Texas und Omaha Holdem, wobei ersteres meist “no limit” veranstaltet wird, jeder Spieler also bei jeder Hand einen Einsatz beliebiger Höhe setzen kann.
Online-Gambling ist seit etwa 2002 ein boomender Markt, das Umsatzvolumen weltweit liegt auf ähnlichem Niveau wie in der Pornobranche, inzwischen sogar höher. Die Casinobetreiber verdienen sich dumm und dusselig, denn die Rendite ist extrem hoch. Man schätzt die Einnahmen (die sich in der Regel aus einer Mischung von Basis- und Transaktionsgebühren zusammensetzen) weltweit auf rund 10 bis 15 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Der Profit ist deshalb so hoch, weil man eine Web-Spielhölle praktisch ohne festes Personal betreiben kann und die Investitionen für die Technik relativ niedrig sind. Deshalb sind die großen und als vertrauenswürdig angesehenen Betreiber – übrigens vorwiegend Kanadier mit Wohnsitz in der Karibik – in der Lage, erhebliche Summe ins Marketing zu stecken. Anfangs flossen so hohe siebenstellige Dollar-Millionen in das Spam-Unwesen. Man kann sagen, die Online-Poker-Firmen haben den Spam-Boom erst so richtig befeuert – bevor sie von der Online-Pharma-Mafia übertrumpft wurden.
Ohne hier Namen zu nennen: Zwei der größten Anbieter geben nach zuverlässigen Quellen pro Jahr 50 bzw. 80 Millionen US-Dollar für das Marketing aus. Nachdem Spam nicht mehr so knusprig ist, weil es ein schlechtes Licht auf die Branche wirft, hat man neben groß angelegten Online-Banner-Kampagnen auf die Macht der Medien gesetzt. Ob und in welchem Maße Gelder an die US-Sender geflossen sind, die ab 2003 Poker-Turniere – zum Teil sogar live – übertragen, entzieht sich meiner Kenntnis, aber diese Übertragungen und vor allem die Berichterstattung darüber in den Printmedien, haben den Poker-Boom erst ausgelöst. Vermutlich ist der Bekanntheitsgrad von Texas Holdem zwischen 2003 und heute explodiert. Und damit haben die Casino-Bosse ihr Ziel erreicht, auch solche Menschen anzulocken, die zuvor niemals daran gedacht hatten, regelmäßig zu zocken und dafür richtig Geld auszugeben. Nach meiner Kenntnis liegt der Durschnittsumsatz eines europäischen Spielers im Online-Gambling pro Jahr bei mehr als 200 Euro, also bei gut 15 Euro pro Monat und damit in einer Größenordnung wie beim Zahlenlotto.
Was treibt die regelmäßigen Pokeristen an? Natürlich die Hoffnung auf den Gewinn. Die Betreiber lassen regelmäßig und in aller Breite über große Gewinne berichten. Tatsächlich werden beim Online-Poker bis auf wenige Ausnahmen bei so genannten Sit-and-run-Turnieren für den Sieger Beträge in der Größenordnung von fünf-, zehn- oder auch mal fünfzigtausend Euro bzw. Dollar ausgelobt. Die immer wieder von den Rechercheallergikern der Presse zitierten Summen von einer halben oder ganzen Million gibt es online nicht, sondern nur in den hochsubventionierten Live-Turnieren, also da, wo die Profis gegen 10.000 Dollar Eintrittsgeld auftreten und auch auf Amateure treffen, die sich in Online-Turnieren mit mehreren zehntausend Teilnehmern qualifiziert haben. So kam der Mister Moneymaker zu seiner Million: Er gewann 2003 die World Series of Poker. Und schon träumten die vielen chancenlosen Freaks überall auf der Welt davon, es ihm gleich zu tun. Eine kleine Überschlagsrechnung zeigt, dass die Chance sich online zu qualifizieren und die WSOP zu gewinnen, kaum größer ist als die auf einen Sechser mit Zusatz- und Superzahl im Lotto.
Seit dem Herbst 2006 befindet sich das Online-Gambling in einer tiefer Krise. Grund dafür ist die moralisch-politische Haltung weiter Kreise zum Glücksspiel also solchem in den USA. Gambling gilt seit den Tagen des Wilden Westens als gottlos und mindestens so schlimm wie das Saufen. Zig Songs aller Stilrichtungen befassen sich mit dem Kerl, der Haus und Hof verzockt hat, mit dem Vater, der wegen der Spielsucht seine Familie verlässt und den Schießereien nach vermuteten und echten Betrügereien. Dieser Fundamentalismus hat schon zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts dazu geführt, dass Gambling in den USA eigentlich verboten ist. Da betreffende Gesetze aber Sache der Staaten sind, gibt es Ausnahmen. Das einst völlig unbedeutende Wüstennest Las Vegas im Staate Nevada verdankt seine Berühmtheit der Tatsache, dass das organisierte Verbrechen der vierziger und fünfziger Jahre den legalen Arm ihrer Gambling-Mafia-Aktivitäten dorthin brachten; die Geschichte wie Las Vegas zu dem Ausnahmerecht kam, Glücksspiele um Geld veranstalten zu dürfen, ist eine Mischung aus Korruption und Erpressung.
Übrigens: Schnell fanden die Schlauköpfe rund um Bugsy Siegel und Meyer Lansky heraus, dass Casinos eine wunderbare Maschinerie für das verwandeln von illegalem in legales Geld darstellen. Das Prinzip lebte und lebt übrigens auch in der Welt des Online-Gamblings weiter: Vertreter der Gangster kaufen – sagen wir mal – für 100 Dollar Chips und spielen ein paar Runden bzw. nur so lange bis ein geringer Gewinn oder Verlust eingetreten ist. dann nehmen sie die verbliebenen Chips und tauschen diese wieder gegen Dollars ein. Schwupps, die Kohle ist sauber. Denn ein Besuch im Casino ist (nicht nur in Las Vegas) eine diskrete Sache, und die Betreiber machen nur unter massivstem juristischen Zwang -wenn überhaupt – Angaben darüber, welcher Gast zu Beginn wieviel Geld eingewechselt hat. Einige extrem pfiffige Money-Laundry-Experten hatten so um 2004 herum eine noch bessere Idee: Sie spielten in ihren Online-Casinos, die von außen nicht sichtbar und zugänglich waren, mit sich selbst: Eine Mio rein, eine Mio wieder raus. Da aber im virtuellen Spielsalon vorwiegend mit der Kreditkarte eingezahlt wird, hat sich diese Methode mit der Einführung entsprechender Regularien über die Dokumentation solcher Transaktionen erledigt.
Nachdem Erfolg von Las Vegas, Nevada, fanden die Mormonen, man könne das Rezept übernehmen und ließen Gambling in Reno zu. Die Dokumente über die Diskussionen zum Thema lesen sich noch heute als Zeugnis maximaler Bigotterie – man argumentierte damit, dass diese Sache des Teufels am besten an einem Ort konzentriert sei, der möglichst unattraktiv und abgelegen sei. Na ja… Da der Trieb zum Zocken in Amerika weit verbreitet ist, kam als dritter großer Standort Atkantic City, New Jersey, hinzu. Obwohl dort bereits vor Las Vegas Casino-Lizenzen möglich waren, begann der Gambling-Boom an der Ostküste erst nach der großen Las-Vegas-Krise zwischen 1988 und 1990. Schließlich haben die Nativen Amerikaner (vulgo: Indianer) das Glücksspiel als Möglichkeit, sich an den Bleichgesichtern zu rächen, entdeckt. Etliche Reservate haben Lücken in den Bundesgesetzen genutzt, um den Betrieb von Casinos zu ermöglichen. Gerade in den autonomen Hopi-Gebieten ist damit so etwas wie Wohlstand eingezogen – allerdings spielt in den Indianer-Casinos Poker nur eine untergeordnete Rolle.
Wie gesagt, Online-Gambling steckt in der Krise. Grund dafür ist der “Unlawful Internet Gambling Enforcement Act” (UIGEA), der seit dem Oktober 2006 in den USA als Bundesgesetz gilt. Ziel ist es, nicht-lizensiertes (”unlawful”) Glücksspiel ganz zu verbieten. Da dies US-Bürgern sowieso nur im Internet angeboten wird, bezieht sich das Gesetz ausdrücklich auf das Online-Gambling. Nun wissen wir alle, dass keine Regierung der Welt irgendeine Handhabe, irgendetwas weltweit zu verbieten, weil das WWW von Hause aus grenzüberschreitend stattfindet. Also haben sich die Macher dieser Vorlage, die mit ziemlich großer Mehrheit beschlossen wurde, einen Trick überlegt: Strafbar macht sich, wer als US-Bürger vom US-Territorium aus Geld transferiert, das zum Zwecke des Zockens eingesetzt wird. Im Klartext: Wenn U.Sam ein Online-Casino betritt und per Kreditkarte für 1.000 Dollar virtuelle Chips kauft, dann verstößt er gegen das Gesetz. Das war vorher im Prinzip auch schon so, wurde aber gern durch Weiterleitung der Transaktionen über karibische Briefkastenfirmen (vorwiegend auf Antigua, wo nach Schätzung von Experten im Jahr 2005 rund ein bis zwei Millarden Dollar so verschoben wurden – die Regierung des Staates Antigua und Barbuda hat übrigens den USA mit Abbruch der diplomatischen Beziehungen gedroht, sollte diese versuchen, derartige Transaktionen zu kontrollieren. Immerhin bleiben von dieser Transfersumme gut und gerne zwei Prozent, also zwischen 20 und 40 Millionen als Beitrag zum Bruttosozialprodukt übrig…) ausgehebelt. Letztlich richtet sich daher das UIGEA an die Kreditkartenorganisationen (KKO), die damit aufgefordert sind, derartige Transaktionen von US-Bürgern zu verhindern.
Diese reagierten schnell und setzten verbindliche Regularien auf, die Händlern (so heißen aus Sicht der KKOs alle Unternehmen, die Geld per Kreditkarte kassieren) verboten, Transaktionen zu Glücksspielzwecken entgegenzunehmen. Und das bei Strafe des Verlustes der Akzeptanz; d.h. wer dagegen verstößt, verliert das Recht, überhaupt noch Kreditkartenzahlungen anzunehmen. Die Casino-betreibenden Unternehmen versetzte das UIGEA jedoch nicht in Panik, denn sie hatten vorgebaut und Zweigfirmen in Europa installiert, die teilweise über Schachtelbeteiligungen so getarnt waren und sind, dass die Besitzverhältnisse praktisch unklärbar bleiben. Da aber auch in Europa in den meisten Ländern der EU ein striktes Verbot für nicht vom Staat lizensiertes Glücksspiel herrscht, wählte man die bekannten Enklaven, in denen dies nicht gilt: vor allem Gibraltar, die Isle of Man, die Kanalinseln etc. Wenn U.Sam immer noch online zocken will, wählt er jetzt also ein EU-Casino und zahlt vorsichtshalber mit einer Karte, die nicht in den USA ausgegeben wurde. Alles kein Problem. Und doch: Das neue Gesetz sorgte innerhalb kürzester Zeit dafür, dass die Zahlen der US-Gambler sich halbierten. Das ist der Grund dafür, dass die Glücksspielkonzerne seit einigen Monaten aggresiv den europäischen Markt angreifen, um die Verluste zu kompensieren. Dazu ist ihnen jedes halbwegs legale Mittel Recht. Meines Wissens stammen die Konzepte für die Marketing-Offensiven durchweg aus den renommiertesten Marketing- und PR-Agenturen der Welt. Denn nur dadurch, dass man dem ansonsten gambling-fernen Konsumten die Online-Zockerei als etwas Stinknormales verkauft, mit dem man auch gern mal ein Nebeneinkommen oder gar den finalen Gewinn erreichen kann, findet man genug Doofe, die ihre 15 Euro pro Monat im Web verspielen.
Also ließ man einen Poker-Boom herbeischreiben bzw. -senden. Wieviele Journalisten zu diesem Zwecke nach Vegas gekarrt und dort fürstlich bewirtet wurden und wieviele Schreiberlinge Gratis-Accounts in den Online-Casinos bekamen, weiß ich nicht. Dass derlei stattgefunden hat, berichten Leute, die es wissen müssen. Mir ist auch nicht bekannt, wieviel Kohle Sender wie Das Vierte und Eurosport für die Ausstrahlung von Poker-Sendungen bekommen. Dass die aber nicht selbst etwas für die Rechte zu zahlen haben, liegt auf der Hand. Übrigens: Online-Pokern um echtes Geld ist Bundesbürgern auch verboten. Wer das tut, macht sich strafbar. Allerdings haben weder die BRD, noch das Vereinigte Königreich noch sonst ein EU-Mitglied wirksame Gesetze, mit denen die Einhaltung des Verbots kontrolliert werden könnte. Die Europäische Kommission bastelt jedoch schon seit einiger Zeit an einer passenden Richtlinie.
Auch auf diesem Hintergrund habe ich mir Pokern im TV angesehen. Als alter Kartenspielfan (eher sowas wie Romeé oder Skat) und Schachspieler wollte ich auch herausfinden, in welchem Maße Texas Holdem ein Glücks- oder ein Geschicklichkeitsspiel ist. Die immer wieder gleichen Moderatoren und Kommentatoren (allen voran dieser Dr. Michael Keiner mit dem präpotenten Brillie im Ohr) werden nicht müde, Poker als Strategiespiel darzustellen. Ähnliches versuchen auch die Autoren der mittlerweile ungezählten Lehrbücher. Immer wieder wird herausgestellt, wie wichtig die Püschologie sei, dass man seinen Gegner “lesen” müsse und ähnlicher Psychoquark. Über Setzstrategien wird gefaselt, über Turnierstrategien, über “tighte” und “aggressive” Spielweisen und so weiter. In welchem Maße selbstreferenziell dieses Geseire ist, kann man durch zwei Argumente belegen: 1. Beim Online-Poker kenne und sehe ich meinen Gegner nicht, kann also bestenfalls sein “Moves” beobachten, ohne in der Mehrzahl der Fälle zu erfahren, welche Karten er auf der Hand hatte. 2. In Interviews wird von erfahrenen Spielern die immergleiche Strategie beschrieben: Tight anfangen und bei sich leerendem Tisch aggressiver spielen. Anders gesagt: Wer nicht so spielt, fliegt früh raus.
Nach Stunden vor der Glotze muss auch die Wirksamkeit von Bluffs ins Reich der Moderatorenlügen verwiesen werden. Wenn pro Tisch über vier, fünf Stunden im Schnitt nur ein Bluff stattfindet und mit einer Wahrscheinlichkeit von 50:50 erfolgreich ist, dann ist der Bluff nur eine Schimäre. Auch die Setzstrategie bietet wenig Alternativen. Im Grunde kann man nur auf das eigene Blatt wetten bzw. auf die Karten in der Hand zuzüglich derer auf dem Tisch. Wenn die TV-Macher Gewinnwahrscheinlichkeiten für die Hände der Spieler einblenden, dann kennen wir Zuschauer die, nicht aber die Teilnehmer. Die haben keine andere Möglichkeit, als permanent die eigenen “Outs” – also die positiven Möglichkeiten – zu kalkulieren.
Wenn – und das hat Michael Keiner mehr als einmal fast unverblümt so gesagt – man defensiv spielt und keine groben Fehler macht, entscheidet das Kartenglück über den Erfolg. Die groben Fehler passieren aber auch wirklich nur den Newbies, die frei von jedem analytischen Denken an die Sache herangehen. Im Grunde gibt es vielleicht sieben oder acht erfolgversprechende Hände, die man nicht “folden” sollte. Die Wahrscheinlichkeit, die entsprechenden Karten vom “Dealer” zu bekommen, liegt bei einem Sechsertisch pro Runde bei etwa 1:1000. Kluge Online-Spieler wissen das und sind deshalb in Live-Games auch erstaunlich erfolgreich, selbst wenn sie erst seit ein paar Monaten spielen. Es geht bei solchen Turnieren darum, möglichst spät auszuscheiden, und das heißt: Nur dann “Action” zu machen, wenn man eine gute Hand hat. Verschiebt sich die oben genannte Wahrscheinlichkeit durch fortgesetzt schlechte Hände in Richtung 1:2000 oder schlechter, hat man eh keine Chance. Das ist also alles recht einfach und eigentlich durchtbar langweilig. Damit das nicht so rüberkommt, wird von den Modertoren und auch den Spielern – wenn sie nach Ausscheiden oder Sieg interviewt werden – allerlei in diese Geschichte hinein geheimnist. Das geht am Besten mit einem elaborierten Jargon, der sich ja auch anfangs ganz cool anhört, weil er sich fast ausschließlich aus Anglizismen zusammensetzt. In Wahrheit ist das aber einfach nur fauler Zauber – ich vermute, die Aktivisten wissen das auch, sonst wären ihre Aussagen nicht derart stereotyp.
Die Geschichte der Opfer von Poker-Sucht ist noch nicht geschrieben. Ich persönlich kenne aber den Fall eines Online-Gamblers, der Monat für Monat um die 1.000 Euro im Casino abgegibt und nach eigenen Aussagen auf eine Gewinnbilanz von rund 92 Prozent kommt. Mit anderen Worten: Er zahlt 1.000 ein und bekommt per saldo 920 raus – der monatliche Verlust liegt bei ungefähr 80 Euro. Viel Geld für ein Hobby, das ihn im Schnitt 20 Stunden pro Woche beschäftigt. Auf die Frage, warum er immer weitermache, sagt der Typ, dass er merke, er werde immer besser und dass die Kohle momentan (nach anderthalb Jahren!) halt Lehrgeld sei. Er rechne fest damit, dass er bald regelmäßig mit einem Plus rausgehe, vielleicht mal ein dickes Turnier gewänne und dann irgendwann Profi werden könnte. Ob das stellvertretend für einen größeren Anteil der Online-Zocker ist, kann ich nicht beurteilen. Wenn mein Informant aber anfängt, die Summen zu erhöhen, dann würde ich mir schon Sorgen machen…
Kurz und gut: Der aktuelle Poker-Boom ist ein Hype, der von hocherfolgreichen Geschäftsleuten mir professioneller Hilfer betrieben wird, die Verluste kompensieren wollen und müssen. Das, was wir Ottos Normalzuschauer zu sehen bekommen, ist wieder nur die übliche Mystifizierung, die uns dazu bringen soll, unser sauer verdientes Geld an Leute abzuführen, die eh schon genug haben. In diesem Sinne freue ich mich auf zukünftige Gesetze und Regularien, die das System Online-Gambling killen könnten.


Tut mir leid, aber Hold`em Poker ist keineswegs Glücksspiel.
Ein sehr gutes Zitat hierzu:
“Das Blatt, damit verbunden auch das Glück, verteilt sich über kurz oder lang auf alle Spieler gleich. Am Ende hat derjenige die Nase vorn, der strategisch am meisten drauf hat.” – Erik von Buxhoeveden
Und so ist es auch. Wer sich einmal ernsthaft mit dem Thema beschäftigt hat wird das auch feststellen und zwar spätestens wenn er mit einem Gewinn vom Tisch geht. Ich selbst kenne jemanden, der angefangen hat mit Poker und keinen Erfolg hatte. Nach unzähligen Euros und Stunden hat er angefangen Bücher wie das von Harrington zu lesen. Heute hat er so viel Geld damit verdient, das er für die nächsten Jahre das Buyin für die WSOP (10.000 USD) zahlen könnte. Nebenbei ist er dieses Jahr bester deutscher bei eben diesem Event geworden.
Ich persönlich versuche lieber mein Pokersspiel zu verbessern und da etwas Geld rauszuschlagen, als Lotto zu spielen und auf etwas zu hoffen das mich ziemlich sicher nicht treffen wird und auf das ich so gut wie keinen Einfluss habe.
An alle die anderer Meinung sind und Poker als reines Glücksspiel sehen, aber trotzdem spielen: Ihr seid gerne an meinen Tischen gesehen.
[ gesachtes von Neuni am 01.08.2007 um 15:15 ]
[...] vergangenen Sommer habe ich unter der Überschrift “Killt den Poker-Hype!” mein persönliches Fazit zum medialen Aufstieg des dümmlichen Glücksspiels [...]
[ pingback von Rainer sacht » Poker-Fuzzis betreiben Content-Klau am 24.02.2008 um 14:04 ]
ich sag ja nix dazu dass du pokern nicht toll findest aber ein bißchen recherche wär schon angebracht. online gewinne bei turnieren von über einer million gab es schon vor dem artikel, die world series of poker sind eben NICHT hochsubventioniert sondern leben nur von den teinahmegebühren. wahnsinn eigtl dass dieser artikel sogar von irgendwelchen online-magazin vollochsen übernommen wurde und noch dazu wohl ohne weitere recherche. einfach alles glauben was ein typ auf seiner seite verzapft. das nenn ich investigativen journalismus. lol.
[ gesachtes von specht am 28.04.2008 um 18:04 ]