
Es wird mir niemand in mein Weltbild passende Argumente liefern können, warum in 3 Teufels Namen das BILDblog Fernsehwerbung schaltet. Ich dachte immer, TV-Reklame wäre dazu, dass die Leute irgendeinen Scheiß kaufen oder sich irgendeinen Scheiß im Fernsehn angucken. Davon ausgehend vermute ich, dass der olle Niggemeier mit seinem TV-Spot, der auf irgendwelchen Nischenkanälen zu nachtschlafender Zeit ausgestrahlt wird, irgendwelche Leute dazu kriegen will, das BILDblog anzuklicken. Aber warum? Damit da noch mehr Internetzler drauf gehen, die die Klickrate erhöhen und dem Niggemeier erlauben, mehr Kohle für die Online-Anzeigen zu nehmen? Oder handelt er in höherem Auftrag, so zu sagen im Dienste der Wahrheit? Ich begreif es nicht.
Und alles, was ich rund um den BILDblog-Spot lese und höre, ist von einem Maß an Selbstreferenzialität geprägt, dass man als Blogger ja virtuelle Klaustrophobie kriegen kann. Zumal ich mich mittlerweile frage, ob man Blogger zweiter Klasse ist, wenn man a) kein freelanciger Journalist ist, b) nicht in der Medie- und/oder Werbebranche arbeitet und c) nicht im mindesten in die vom Konsumterror gebrainwashte Generation der zwischen 1962 und 1972 Geborenen gehört … was auf mich alles nicht zutrifft. Außerdem versteh ich den Witz des Reklamefilmchens nicht ganz.
Nun hat sich die verehrte Kollegin Anke Groener (die mir mit ihrem Konsumgequatsche manchmal schwer auf die Nerven fällt, deren Texte ich aber ansonsten liebe…) in ihrem Blog über die Menschen ausgelassen, die im Niggemeier’schen Privatblog ihre Meinung und ihr Urteil über das Dingen abgeben. Sie spricht von Erbsenzählern. Und macht sich über die lustig. Das kann man ja machen, aber den geistigen Apparat der Anke, der hier abläuft, finde ich – gelinde gesagt – merkwürdig.
Ihr Vorwurf Nummer Eins lautet: Ein Konsument versteht den Spot nicht, selber doof. Der umgedrehte Schuh daraus geht dann ungefähr so: Wer in dieser konsumorientierten Gesellschaft lebt und Werbung nicht versteht, ist hilflos oldschool und eigentlich nicht zu gebrauchen.
Vorwurf Zwo: Wer nicht auf Anhieb vor der geballten Kreativität der Werbefuzzis auf die Knie fällt, ist ein analfixierter Ordnungsfanatiker.
Vorwurf Drei: Wer handwerkliche Fehler benennt, ist der Feind des Werbefuzzis und damit ein Generalverhinderer von Kreativität.
Nun möchte ich nicht auf Anke rumhacken, obwohl sie sich in ihren Beiträgen häufig als unkritische Kreativbombe outet, aber ich finde ihre Suada extremst typisch für die Art, wie Werbeleute über den Rest der Menschheit denken. Das weiß ich nicht erst seit Anke, das hab ich bei fast jedem Kontakt mit einem Werbungstreibende so oder so ähnlich gehört. Da ist ja schonmal auf jeden Fall der Kunde doof. Die direkten Kontakpersonen beim Kunden sind superdoof, inkompetent und vor allem unkreativ. Die Konsumten, die den beworbenen Scheiß letztlich kaufen sollen, obwohl sie ihn weder brauchen, noch sich leisten können, sind megadoof und willenlos, die kann man verarschen. Und wenn sie sich zu Werbemaßnahmen äußern, dann zeigen sie sich als analfixierte Erbsenzähler. Nun gelten ja Menschen, die Kreatives nicht verstehen, die nachzählen und auf Kleinigkeiten achten ja gern mal schnell als Autisten. Dabei wünschen sich die Marketingler recht eigentlich den verbissen vor sich hin konsumierenden Autisten, der keine Fragen stellt, der Reklame supi findet und unterhaltsam und für eine Kunst hält. In Wahrheit sind die Werbefuzzis und -schnatzen von der wirklichen Welt völlig abgeschnitten. Wenn die wüssten, wie der Mensch da draußen in der Kampfzone über die Werbung redet… Statt dessen denken die gehirnverseuchten Gehirnverseucher dass die Kaufmasse sich über Anzeigen, Plakate, Radio-, Kino- und TV-Spots königlich amüsiert, weil sie nur Leute kennen, die irgendwie vom konsumistischen Brainwashing profitieren und deshalb den ganzen Reklamemüll klasse finden.
Ihr werdet euch wundern (oder nicht). Die nachweisbar rasant nachlassende Wirkung von Werbung ist derzeit das größte Tabu der Branche. Wer nimmt denn überhaupt noch Fernsehwerbung wahr? Wer guckt sich Anzeigen an? Eine kleine radikale Minderheit der angeblich kaufkräftigen Zielgruppe, die in Wahrheit erheblich verschuldet ist, und die Senioren, die nicht wissen, dass man einen schönen Heimatfilm mit dem DVD-Rekorder aufnehmen kann, der gleich die Scheißwerbung rausschneidet.
Konsumisten sind Einsiedler, den Konsum ist seit einigen Jahren indviduell, ja nachgerade egozentrisch. Ich und mein Magnum sitzen in der Badewanne, in der sich gerade ein Lush-Klumpen aufgelöst hat, trinken ein Biermixgetränk (IGITTTT!!!) und blättern in einem Magazin, damit wir wissen, was wir als nächstes UNBEDINGT kaufen müssen. Da stören andere Menschen nur. Es sei denn, anderer Mensch ist beste Freundin. mit der man/frau Shoppen geht. So wird diese Tätigkeit zur Ganzkörpermasturbation. Das zugrunde liegende Menschenbild ist zutiefst asozial. Wer sich in diesem Wertekanon bewegt, der nimmt die Welt nur als Befriedigungsverhinderung wahr, dem ist alles Stress außer dem einsiedlerischen Konsum. Da wird jede Kaufhandlung zru Belohnungf dafür, dass man sich dem allen (Geldverdienen, Beziehungpflegen etc pp) aussetzt. Der Spruch dieser Menschen ist “Das hab ich mir verdient!”
Warum also hat der Niggemeier einen TV-Spot für das BILDblog machen lassen? Tja, die Antwort auf diese Frage ist dieselbe wie auf die Frage: Warum lecken sich Hunde ihre Eier? Genau, weil sie’s können. L’art pour l’art (auch eine Form der Selbstbefriedigung) wird hier zu Spot um des Spots willen. Und die Werbebande steigt voll drauf ein. Kein Wunder.


“Ich dachte immer, TV-Reklame wäre dazu, dass die Leute irgendeinen Scheiß kaufen oder sich irgendeinen Scheiß im Fernsehn angucken.”
In wie fern widerspricht der Werbespot diesem Gedanken? Genau das ist doch auch hier das Ziel. Und das insbesondere mit einem Inhalt (”Jede Lüge braucht einen mutigen, der sie zählt.”) der im Zusammenhang mit den aktuellen BildBlog-Einträgen zumindest fragwürdig ist.
Das, was die Anke da in ihrem Blog geschrieben hat (leider kann man da nicht kommentieren) halte ich indess nicht für falsch. Die BildBlog-Werbung ist nicht handwerklich zu kritisieren, sondern inhaltlich fragwürdig.
[ gesachtes von Joerg am 27.08.2007 um 15:51 ]
Oh phuck, ich bin zwischen 1960 und 65 geboren und Freelance-Journalist mit Spezialgebiet Medien/Werbung und so gesehen anscheinend genau Dein Feindbild. Zu Deiner Eingangsprämisse (”Ich dachte immer…”) kann ich nur in aller Kürze sagen, ist doch Dein Problem, wenn Deine Vorstellungskraft nicht ausreicht, auch andere Ziele von TV-Werbung jenseits von Abverkauf zu imaginieren. ;-)
Das angebliche große Tabu der Wirkungslosigkeit von Werbung ist bei Licht besehen auch keins, da wird in der Branche durchaus drüber geredet. Bis zum Pupillenstillstand. Vielleicht in nicht ganz so deutlichen Worten, aber das Thema ist omnipräsent für den, der den Fachslang versteht.
Davon abgesehen lässt mich Ankes Beitrag auch mit zwiespätigen Gefühlen zurück. Die Erwartung, die Zielgruppe habe sich die vorgesetzten Ergüsse unkritisch bis begeistert reinzuziehen und sich kritischer Einwände zu enthalten, passt irgendwie nicht so recht in die Gegenwart. Aber zu einer (verdammt guten) Bloggerin, die leider zu dünnhäutig geworden ist, um sich der direkten Leserresonanz auszusetzen.
[ gesachtes von mark793 am 28.08.2007 um 14:31 ]
Och, mark793: Feindbild würd ich das nicht nennen… Ich mein ja bloß, dass du und deinesgleichen grad dabei seid, die Themenhoheit in Kleinbloggersdorf zu übernehmen, was ich schade finde (siehe auch: “Blogscout gibt auf”). Nein, ich find das sogar scheiße, denn wenn die Diskussionen um Blog-”Kultur” sich im wesentlichen auf Kommunikation im Sinne von Marketing fokussieren, dann hat es sich was mit Kultur – wie im echten Leben auch.
Bitte erklär mit mal als gebrainwashter Konsumist UND Werbefachmann, was TV-Werbung denn noch so bewirken kann. Ja, ja, ich weiß, was du sagen wirst: Awareness und Image-Bildung. Da glaub ich als alter bzw. ehemaliger PR-Fuzzi nicht dran.
Ich geb dir Recht: In Werbekreisen wird über das Abkacken von Werbewirkung diskutiert, aber gegenüber der Öffentlichkeit (und den Unternehmensvertretern, die keine Ahnung haben…) wird immer noch so getan, als könne man die doofen Konsumenten immer wirkungsvoll noch manipulieren. Dass die Firmen da mitspielen, liegt wohl an den Beharrungskräften. Nach dem Motto: Für das Schalten einer TV-Kampagne ist noch niemand gefeuert worden, das hammer immer schon so gemacht, das macht man so…
[ gesachtes von Rainersacht am 28.08.2007 um 15:24 ]
Nun, zumindest verhindert TV-Werbung nicht, dass beworbene Produkte gekauft werden. Und zwar selbst dann, wenn die Werbung total panne ist. Das meine ich gar nicht mal so zynisch wie es klingt. ;-)
Tatsächlich gehts in erster Linie darum, die Marke (und/oder das jeweilige Produkt) in den Köpfen zu verankern. Ob Du persönlich an die hierbei zu erzielende Awareness glaubst oder nicht, ist um es mit dem Zitterwolf zu sagen “nich klausurrelevant”. Die Awareness-Veränderung ist messbar, wenngleich man die Ergebnisse der begleitenden MaFo immer mit Vorsicht genießen muss. Trotzdem: Zu glauben, dass die Milliarden Märker komplett rausgeschmissenes Geld wären, ist denn doch zu simpel gedacht.
Hört sich vielleicht paradox an, aber das Problem mit der nachlassenden Werbewirkung ist ja dem Erfolg der Werbung geschuldet und nicht dem Misserfolg. Vor 40 Jahren, als meine Eltern den ersten Fernseher anschafften, warben vielleicht wenige 100 Marken im TV, heute sind es Abertausende. Das heißt auch zwangsläufig, dass da viel mehr dabei ist, was Dich oder mich nicht interessiert.
Die Fernsehbesoffenheit der Werber hat zum Teil immer noch mit den traumatischen Erfahrungen der Werbeknappheit bei ARD und ZDF zu tun, erst in den 90ern ging es ja bei den Privaten richtig ab. Von daher stimmt das mit dem “immer schon so gemacht” einfach nicht, es gibt noch haufenweise Branchen und Unternehmen, die so gut wie kein Werbegeld ins Fernsehen tragen.
Und noch zur Themenhoheit von meinesgleichen in Kleinbloggersdorf: Ich halte mein berufliches Themenfeld ganz bewusst weitgehend raus aus meiner Dunkelkammer. Schließlich habe ich die Bloggerei angefangen als Lockerungsübung, um die Verkrustungen loszuwerden, die über 20 Jahre Medienfachpresse- und Wirtschaftsmagazinschreiberei so mit sich bringen. Von daher sehe ich manches von dem, was Kollegen da in den oberen Rängen der Blogcharts so runterspulen, auch mit gemischten Gefühlen.
[ gesachtes von mark793 am 28.08.2007 um 19:09 ]
Soweit mir bekannt, bewegen sich die Veränderungen am Bekanntheitsgrad von TV-beworbenen Marken und Produkten seit einiger Zeit in schwer messbaren Regionen. Die Millarden sind natürlich nicht rausgeschmissen; im Gegenteil: Sie machen das Qualitätsfernsehn der Privatsender erst möglich. Da hammer alle was von.
Werbewirkung lässt ja nicht nur im TV nach. Im Gegenteil: Bei der Außenwerbung ist es geradezu dramatisch und bei der Printwerbung destaströs.
Was du zur “Fernsehbesoffenheit” sagst, kann ich unterschreiben. “Immer schon” sei deshalb verstanden als “immer schon seit es Privatfernsehn gibt”.
Den Rest deiner Ausführung kann ich nicht nur nachvollziehen, sondern auch akzeptieren und würde dich deshalb aus meiner Liste der Meinungsherrscher in Kleinbloggersdorf streichen. Recht so?
[ gesachtes von Rainersacht am 28.08.2007 um 22:48 ]
Das Grundproblem mit der Werbung ist und bleibt halt: Ganz drauf verzichten kannst Du als Unternehmen nicht, sonst brechen Dir sehr schnell Marktanteile weg. Ist so. Deswegen pflastern jetzt alle die Landschaft zu quer durch alle Kanäle, von Print über TV bis Online und Plakat, dazu Point-of-Sale-Aktionen und Direktmarketing-Gedöns. Es ist ein Teufelskreis: Alles blökt immer lauter, also brüllt jeder umso mehr, um noch Gehör zu finden. So kann das natürlich nicht ewig funktionieren. Woraus sich das Bemühen erklärt, die redaktionellen Teile zu infiltrieren, Events zu schaffen, pseudoreligiöse Markenkulte zu entfesseln und dergleichen mehr. Das alles hat Cordt Schnibben schon in den frühen 90ern in zwei sehr bemerkenswerten “Spiegel”-Geschichten en detail beschrieben. Und die Tatsache, dass inzwischen das Internet dazukam, tut dem Wahrheitsgehalt jener Thesen keinen Abbruch.
Ich denke, wer nur auf die nachlassende Werbewirkung auf Produktebene schielt und die kompensierenden Effekte der flankierenden Kommunikationsmaßnahmen nicht auf dem Schirm hat, bekommt ein schiefes Bild von der Lage. Sonst müsste man ja davon ausgehen, dass vor lauter nachlassender Werbewirkung die Leute massenhaft in Konsumstreik treten – und das ist ja nun nachweislich nicht der Fall. ;-)
Zum Rest: Recht so! Ich habe diese Form der Meinungsführerschaft in Bloggershausen nie angestrebt, sonst hätte ich wie die Kollegen Niggemeier und Turi auch ein Namensblog als Ego-Marketinginstrument gestartet. Nicht, dass ich nicht zu Zeiten auch mal über diesen Schritt nachgedacht hätte. Aber so richtig gereizt hat mich das dann doch nicht.
[ gesachtes von mark793 am 29.08.2007 um 11:08 ]
[...] Winter, schau’n Sie mal: hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier oder [...]
[ pingback von Ich nerve « Stefan Niggemeier am 31.08.2007 um 23:29 ]
[...] BILDblog: Spot um des Spots willen [...]
[ pingback von Rainer sacht » Lieber Internet-Gott,… am 01.09.2007 um 12:12 ]