gesachtes vom 12.08.2007

Keith Richards ist der Erwin des Rock

The Rolling Stones - Aftermath
Waren wir nicht alle irgendwann mal Stones-Fans? Haben uns Mick Jagger und Keith Richards nicht alle in irgendeiner Lebensphase in Herz und/oder Bauch getroffen? Wer hat nicht nach oder zu “Angie” einen Geschlechtsverkehr oder zumindest ein Petting ausgeübt oder sich beim Hören dieser und anderer Stones-Balladen danach gesehnt? Und wer von euch, der über fuffzich ist, wollte nicht auch auf die Straße und Krawall machen? Gut, ihr könnt die Hände wieder runternehmen. Schließlich liegen diese musik-bedingten und -geförderten Hormonzustände Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. Ich hatte einen letzten Stones-Flash zu Zeiten des Albums “Some Girls” und dem Song “Miss you” … man kann sich denken, warum. Und es war 1976. Mancher mag auch noch “Voodoo Lounge” oder “Bridges to Babylon” gemocht haben, und das ist auch okay so. Es ist ja auch okay, dass die Stones immer weiter auf Tour gehen, komme, was da wolle. Schließlich haben sie das Mega-Stadion-Konzert erfunden. Frag mal jemanden, ob er ein Stones-Konzert gesehen hat. Da kommen tolle, traurige, enttäuschte Geschichten über das Konzert im Rheinstadion, im Müngersdorfer Stadion und sonstwo zu tage, die alle den Satz enthalten: “Aber so richtig gesehen hab ich die nicht, die waren zu weit weg.”

Jetzt gäbe es am Montag zumindest in Düsseldorf die Chance, Mick, Keith, Ron und Charlie aus der Nähe zu betrachten, obwohl sie in der sinnlosen Messehalle, deren Erstgeburtsrecht der hiesige OB Erwin für ein Linsengericht an die LTU verscherbelt hat, auftreten werden. Denn der Vorverkauf lief derart schleppend, dass man die Band nun quer sehen wird. Dass die Bühne also nicht an einer der Schmalseiten aufgebaut wird, sondern gegenüber dem VIP-Bereich, der hierzulande First-Comfort-Club heißen muss. Das macht, dass die Arena auch mit rund 20.000 Zuschauern einigermaßen voll aussehen wird (Hey! Das sind weniger als bei der glorreichen Fortuna, wenn’s gegen die Traditionsgegner geht!). Da selbst das angestrebte Minimalziel verfehlt wurde, hat man gar Freikarten verteilt und billigere Stehtickets eingesetzt. Trotzdem gibt’s inzwischen auf eBay Verzweifelte, ähem, Schwarzhändler, die wenigstens ihre Investition raushaben wollen. Früher wäre die Frage wie ein Lauffeuer durch die Altstadt gewalzt: Gehße auch zun Stones? Heute interessiert das so viel, als wenn in Schweden ein Sack Atomkraftwerke umgefallen ist. Sic transit gloria mundi, oder so…

Kürzlich erwischte ich beim Zappen die Stones auf dem ZDF-Theater(!)kanal. Es handelte sich um Ausschnitte aus irgendeinem Vorab-Konzert der aktuellen Tour. Ich war ernsthaft schockiert. Dass der Herr Richards aussieht wie Catweazles Zombie war zu erwarten, auch dass der Herr Jagger unterhalb des Halses langsam verschwindet. Dass aber Ron Woods, die alte Hupe, inzwischen den Look einer 100-jährigen Cerokee-Squaw angenommen hat, war mir neu. Nun sind ja die ollen Blues-Neger in den sechziger Jahren auch noch mit sechzisch aus der Kiste geholt worden, um sie vor laufendem Publikum Musik machen zu lassen. Und Mister B!B!King! ist mit gefühlten 102 auch noch immer unterwegs. Also ist es völlig okay, wenn alte Säcke öffentlich musizieren und dafür Geld nehmen. Nicht okay war, was die vier Greise dort musikalisch abgeliefert haben (was aber offensichtlich niemand im Publikum oder da draußen in den Medien bemerkt hat). Keith, es muss kurz nach seinem Kokuspalmen-Event gewesen sein, der einen absolut dusseligen Menjou-Bart trug, hat sich PERMANENT verspielt, was ihm sorgenvolle Blicke des Rons eintrug. Herrn Watts ging das alles nichts an, er trommelte im Auftrag des Herren, und Herr Jäger zappelte wie zu weiland Altamonts Zeiten, als die Hell’s Angels kurz davor waren, ihm die “schwule Scheiße aus dem Leib zu prügeln“. Es war grau-en-voll! Und traurig.

Wie es mich grundsätzlich traurig macht, wenn Menschen den Punkt in ihrem Leben nicht erkennen, an dem sie aufhören sollten. Die Stones haben diesen Punkt ganz offensichtlich spätestens mit der Wiederaufnahme der Tour überschritten. So ähnlich wie der Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin, der inzwischen gesichtstechnisch gut den fünften Stone geben könnte (okay, an den Haaren müsste man was machen…) und den Punkt-of-no-Rietörn in diesem Frühsommer überschritten hat. Damals musste er wegen einer Blutvergiftung ins Krankenhaus und wurde damit zum Keith Richards der Düsseldorfer Lokalpolitik. Anstatt nach halbwegser Genesung die Brocken zu schmeißen, sich von Begale ne Bermudas und n Hawaii-Hemd besorgen zu lassen, um seine restliche Haltbarkeit unter Palmen mit Dolce-far-niente zu verbringen, ließ er sich Akten in die Klinik bringen. Kaum wieder raus, stürzte er sich in einen Termintrubel, der selbst Menschen mit normalen Blutwerten auszehren würde. Er toppte den Wahnsinn dann mit der Nachricht, er würde 2009 wieder kandidieren. Hey, das wär ungefähr so, als würden die Stones die nächste Welttournee für 2012 ankündigen! Wer will und kann die dann noch sehen? Und: Werden die wirklich auf Rollatoren gestützt die Bühne entern? Wird Keith und Ron von Roadies die Klampfe gehalten? Wird Charlie dann tatsächlich nur ein robotoriesiertes Look-alike sein?

Wir wissen nicht, ob unser lieber Erwin am Montag auch beim Konzert sein wird. Wir wissen auch nicht, wem die heimliche Herrscherin dieses Mal VIP-Freikarten zugeschanzt hat. Aber wer auch immer aus dem Umfeld des Joachim Erwin den Gig sehen wird, der möge bitte heimgehen ins OB-Büro und ihm sagen, er möge eine Lehre ziehen aus dem, was man dort abspielte. Er möge rasch abtreten um nicht so zu Ende wie Mick und Keith und Ron und Charlie.

Ach, übrigens: Wer sich schon immer gefragt hat, was “Aftermath” eigentlich heißt… LEO sagt, dass es im agronomischen Sinn so viel wie “Nachernte” heißt. Das ist das, was die Bauern von Feldern und Wiesen holen, wenn die eigentliche Ernte schon eingefahren ist. So betrachtet war der Titel des 66er-Albums ja unheimlich prophetisch.


[ von Rainersacht um 12:56 in erwin & konsorten, kültür & müsik ] [ 01556 x gelesen ] [ es wurde 7x was dazu gesacht ] [  ]

es wurde 7x was dazu gesacht

  1. Beim Petting habe ich damals lieber Zep (’Babe I’m Gonna leave You’) oder aber Pröckel Harem (’A Salty Dog’) gehört, als diesen Samstag-Abends-Angestellten-Rock. Und die Frauen fanden das auch besser als diesen Breitmaulfrosch …

    [ gesachtes von Chat Atkins am 12.08.2007 um 17:21  ]

  2. Die Stones waren zu ihrer Zeit definitiv kein Angestellen-Rock. Heute sind sie museal, muss man nicht mögen. Seltsam finde ich, dass Jagger, Woods und Richards auf die selbe Art altern.

    [ gesachtes von loreley am 13.08.2007 um 11:56  ]

  3. @loreley: Fragt sich nur, wann genau “ihre Zeit” war – 1966, 1969? Das tut übrigens ihrer Musik alles keinen Abbruch; Exile on Main Street ist für mich immer noch eines der besten Rockalben aller Zeiten.
    Warum die so ähnlich altern? Gute Frage…

    [ gesachtes von Rainersacht am 13.08.2007 um 12:12  ]

  4. Ihre Zeit war etwa bis Anfang der 70er Jahre.

    [ gesachtes von loreley am 13.08.2007 um 14:00  ]

  5. Stimmt, ‘Exile’ ist – nach diversen Anläufen wie ‘Let it Bleed’, ‘Beggar’s Banquet’ und ‘Sticky Fingers’ zuvor – tatsächlich DIE großartige Platte geworden. Aber auch nur, weil diese Briten dort in Kalifornien auf Townes van Zandt, Spirit und ganz eine andere Musiktradition getroffen waren, statt des ewigen Bluesrockertums zuvor. Die Stones sind dort zur ‘Country Band’ gereift, Richards und Taylor spielen wie die Teufel, und Jagger’s Organ ‘was buried in the mix’, so dass es gar nicht unangenehm auffällt …

    [ gesachtes von Chat Atkins am 13.08.2007 um 18:15  ]

  6. @Chat: Stimme zu, wobei ich aber nix gegen den ewigen Bluesrock gehört haben will ;–) Leider sind die Stones in dieser Kategorie nie unter den Top-10 der Bands geraten, finde ich… Eigentlich war alles nach Exile doch mehr oder weniger Pop.

    [ gesachtes von Rainersacht am 13.08.2007 um 18:58  ]

  7. Wenn der ‘Bluesrock’ bspw. ‘Edgar Broughton Band’ heißt, ‘Family’ oder ‘Groundhogs’, dann sage ich ja auch nichts dagegen …

    Nach ‘Exile’ haben die Stones wohl bedauerlicherweise die Drogenvorlieben gewechselt, danach klang alles nach diesem glattgeschleckten überproduzierten Koks-Einerlei: Wenn Cocaine, dann keine Kreativität … das ist wohl ein Gesetz. Es gibt nur eine einzige Ausnahme: Sly Stone: There’s a Riot Going on …

    [ gesachtes von Chat Atkins am 13.08.2007 um 21:59  ]

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