“Nach fünf Heimspielen im Rather Dome beträgt der Besucher-Durchschnitt pro Partie 6205. In der Vorsaison besuchten durchschnittlich 7727 Zuschauer die Heimpartien. Die DEG spielt jetzt nicht nur vor halbvollen Rängen, sondern der Zuschauerschwund könnte auch ein Loch in die Kasse reißen. Weil unter dem Strich bislang 7500 Karten zu wenig verkauft wurden, liegt der Unterschied zur Kalkulation bereits bei 150 000 Euro.”
(Quelle: WZ Newsline vom 10.10.2007)
Ach, was. Da wundert sich der Fachmann, und der Laie wusste schon Bescheid. DEG ist nicht mehr DEG. Unübersehbar. Das Dilemma hat viel Väter. Einer davon heißt “Amerikanisierung des Eishockeys”. Die Typen, die seinerzeit die DEL (Deutsche Eishockey-Liga) gründeten, haben dies ganz im Stil der US-Profiligen getan und geglaubt, sie könnten das deutsche Eishockey damit retten. Nun waren diese Funktionäre offensichtlich so weit weg vom Eishockey-Fan, dass sie nicht realisiert haben, auf welch eigenständige (mit den USA und Kanada in keiner Weise zu vergleichende) Weise sich hierzulande nach dem Krieg eine Eishockey-Kultur gebildet hatte. Die basierte stark auf Rivalitäten zwischen Regionen und Städten. Bis gegen Ende der sechziger Jahre ging es um bayerische Dörfer gegen westdeutsche Großstädte – eine Geschichte, die unrühmlich damit endete, dass die Düsseldorfer EG serienmäßig die besten bayerischen Spieler kaufte. Da gab es die innerstädtische Konkurrenz zwischen dem Krefelder EV und Preussen Krefeld. Später die Erzfeindschaft zwischen der DEG und dem K***er EC. Und so weiter. Diese Rivalitäten wurden weitgehend friedlich und fröhlich zelebriert, gewürzt mit einer – gerade in Düsseldorf – kreativen Fankultur. Da gab’s kein Playoff, Playup und -down, da wurde eine Tabelle ausgespielt, der Erste war am Ende Meister.
Die Einführung der Endrunde zur Ermittlung des Deutschen Meisters war in vieler Hinischt ein Fortschritt. Die schleichende Umbenennung der Vereine im Ami-Stil (unrühmlicher Vorreiter in dieser Hinsicht waren die K***er Tunfische), die Einmischung der Sponsoren (Man erinnert sich noch mit Schaudern, dass die schon immer rot-gelbe DEG wegen des Sponsors Epson plötzlich in Hellblau antreten musste) und besonders die Einrichtung von Sponsorenplätzen in den altehrwürdigen Eishallen sorgten für eine erste Abschiedswelle altgedienter Eishockeyfreunde. Durch TV-Rechte und Sponsoren kam viel Geld in die Liga, noch mehr wurde ausgegeben, und irgendwann in den Neunzigern waren praktisch alle Clubs pleite. Aus einer Spochtliga wurde dank DEL ein Sportshowbetrieb, dem die Fans nur in Teilen folgen wollten.
Dann spielten die Haie in der K***arena, bis zu 18.000 Leute kamen, und die durchweg nicht besonders kleveren Manager witterten die dicke Kohle. Jedes DEL-Franchise-Team wollte jetzt auch eine Arena. Der Retortenclub in Hamburg profitierte anfangs ebenfalls von seiner Eventschachtel davon. Da sollte Düsseldorf, fand der hiesige, mit Politik und Wirtschaft heftig verschlungene DEG-Klüngel (Klüh und Konsorten…), nicht nachstehen. So wurde der Dom in Rath konzipiert und sogar gebaut. Sicher hatte 2003 das legendäre Eisstadion an der Bremstraße baulich seine besten Zeiten hinter sich, aber diese schmucklose Anlage mit der maroden Außeneisbahn, den siffigen Klos, der magenfeindlichen Pommesbude und den bröckelnden Betonstufen war nicht weniger als das Herz der deutschen Eishockeykultur. Das wurde unter dem Zwang der Dome-Lobbyisten und gegen den Willen der Fans aufgegeben.
Jetzt hat man den Salat. Spiele der DEG vor 5.500 Zuschauern muss man sich so vorstellen, dass sich rund 3.000 rot-gelbe Fans direkt an der Bande auf den Stehplätzen kubbeln, währens sich die restlichen 2.500 Zuschauer auf den mehr als 12.000 übrigen Plätzen verlieren. Wie soll da die typische DEG-Stümmung aufkommen? Wo zudem noch artifizielle Atmosphäre per Megalautmusik, Live-Übertragungen auf dem Videowürfel und allerlei Ringelpietz die kreativen Gesänge und Schlachtrufe der Fans übertönen. Das hat mit dem, was das deutsche Eishockey zwischen 1959 und 1999 ausmachte, nichts, aber auch überhaupt nichts mehr zu tun. Da können die Franchise-Teams noch soviel Kohle in Werbung stecken. Die Sache ist durch.
Nun hoffen einige Zwangsoptimisten auf eine stärkere Präsenz (stärker als gar nicht, also…) der DEL im Fernsehen, am liebsten im Free-TV. Die Formel lautet: Wird Eishockey wieder sichtbar, finden mehr Leute Gefallen daran und stürmen uns die Arenen. Mag ja sein, aber ob die Eventtouristen ein zweites Mal kommen, nachdem sie mit Dauerkrach und -reklame betäubt wurden, ist fraglich. Dazu trägt auch bei, dass die DEL insgesamt eine öde Veranstaltung ist, bei der nach 56 Partien überhaupt erst Spannung aufkommt. Zumal es keinen spochtlichen Ab- und Aufstieg gibt, der ja auch zur Spannung beiträgt. Nur eine radikale Reform des Spielplans könnte hier Abhilfe schaffen: 12 Teams in der DEL spielen zwei Doppelrunden aus, die ersten Acht tragen die Meisterschaft per Playoff im Best-of-Five-Modus aus, die letzten vier und die ersten vier der Ersten Bundesliga spielen nach demselben Muster die vier Plätze in der DEL der Folgesaison aus. Die Anzahl der Teams, die wirtschaftlich gesund genug dafür seien, läge mit 16 kaum über den 15, die jetzt die geschlossene DEL-Saison spielen.
Wie gesagt: Deutsches Eishockey hatte immer was mit Lokalptraiotismus zu tun und lebte lange Zeit von einer geringen Zahl an Legionäre. Wohlgemerkt: Legionäre, denn kanadische, russische, tschechische und US-amerikanische Spieler, die über Jahre bei einem Verein blieben (bei der DEG besonders Peter Lee, Peter Hejma, Rick Amann usw.) wurden ja nach spätestens drei Jahren eingemeindet, eingeborene Spieler erreichten in der Regel Kultstatus (bei der DEG die legendären Antons, Lingemann etc und aktuell Kreutzer). Auch dies könnte – und das wäre ein Vorteil der DEL-Konstruktion – per Statut so geregelt werden, dass Verträge grundsätzlich auf vier Jahre abgeschlossen werden und jeder Kader mindestens zur Hälfte mit EU-Spielern bestückt sein müsste.
Wenn dann noch das US-amerikanische Geplärre und Event-Drumherum auf ein Mindestmaß reduziert würde, wenn die Ticketpreise auf ein vernünftiges Maß gesenkt und die Bedürfnisse der treuen Fans ernstgenommen würden, dann hätte das deutsche Profi-Eishockey eine Chance. So wie es jetzt ist, wird es in Kürze wieder dramatische Pleiten geben, die letztlich dem Spocht und seiner Nachwuchsarbeit schadet.


Naja, die DEL ist sicherlich nicht mehr so attraktiv wie die die alte Bundesliga und der ISS-Dome wird von den echten Eishockeyfans nicht gerade geliebt, aber sind das wirklich die Gründe für den Zuschauerschwund? Die Gründe sind sicher noch tiefgreifender. Der Konkurs der DEG und der Weg in die zweite Liga sind daran mit Sicherheit genauso schuld wie die hohen Kosten die der Besuch eines Eishockeyspiels mit sich bringt.
Das jetzt zum Beginn der Saison der kalkulierte Zuschauerschnitt noch nicht erreicht ist, macht mir eigentlich weniger Sorgen. Klar tut es weh, wenn sich gerade einmal 5000 Zuschaue in den Dome einfinden, aber dass wird sich auch wieder ändern.
Nach dem Auftaktsieg folgte eine große Niederlagenserie und eine nicht erfolgreich spielende DEG ist nicht populär. Gegen Duisburg gab es ein wenig begeisterndes Heimspiel, gegen Hamburg wurde quasi die Arbeit verweigert. Da wunder es nicht dass gegen Augsburg, einem so oder so für Düsseldorfer wenig attraktiven Gegner nur 5000 Zuschauer zum Spiel kommen. Und dann spielt man wiederum nur schlecht, so dass sich auch gegen Iserlohn die Zahl kaum nach oben verbessert hat.
Die DEG hat beim Umzug in den Dome übrigens keine Zuschauer verloren. Mehr als 7000 Zuschauer kamen in den letzten Jahren auch nicht an die Brehmstraße, die DEG hat es nur versäumt im ersten Dome-Jahr neue Zuschauer in die Halle zu bekommen und das rächt sich in Jahr zwei nun.
Ich bin mir allerdings sicher, dass mit attraktiven Gegnern und erfolgreichem Hockey auch der kalkulierte Schnitt erreicht werden wird.oy
[ gesachtes von Gnislew am 11.10.2007 um 14:05 ]
Hört sich plausibel an, Gnislew. Bleibt als Kernfrage, warum es nicht geklappt hat, im Jahr 1 nach Dome neue Zuschauer anzulocken. Kann doch nicht alles der Elmar und der Frieder inschuld sein…
[ gesachtes von Rainersacht am 11.10.2007 um 14:09 ]
Da lässt der OB extra ‘nen Dumm für die Eventtouris bauen und dann kommt das blöde Pack einfach nicht…
[ gesachtes von Biesenkamp am 11.10.2007 um 14:16 ]
Da kommen sicher noch andere Faktoren hinzu. Schlechte Verkehrsanbindung an den Dome, Abschaffung von Auf und Abstieg. Schwierig die genauen Ursachen dingfest zu machen. Mir als Fan tut es weh, den leeren Dome zu sehen und ich persönlich würde auch wieder an der Brehmstraße frieren als mich im Dome bespaßen zu lassen.
[ gesachtes von Gnislew am 11.10.2007 um 23:26 ]
Da muß ich mich als ex-DEG-Dauerkarten-Fan auch mal melden. Ich kann dem Rainersacbt nur zustimmen. Meine Besuche bei der DEG wurden in den letzten Jahren immer seltener und den Dom(e) – welcher Idiot oder düsseldorfferner Ignorant hat nur diesen k***ischen Namen ausgesucht, denn deren überdimensionierte Tempel sollte doch wirklich stehenbleiben wo er steht) – habe ich noch gar nicht von innen gesehen. Ist auch irgendwie kein Reiz da.
Die Amerikanisierung – da gehört nicht nur der Erwin-Dom dazu – hat spätestens mit der Playofferei angefangen, trägt wesentlich die Schuld daran, daß das einst in den Lokalpatriotismus und Lokalpartyotismus hineingewachsene Eishockey so uninteressant geworden ist. – Merken die Verantworlichen eigentlich gar nicht, daß die Schierluder nur ausgepfiffen oder an guten Tagen ignoriert werden? – Merken die auch nicht, daß die viel zu laute Unstimmungsmusik und die nervtötenden Werbefilmchen vom eigentlichen Geschehen, vom Zelebrieren der eigenen Fankultur um eine eigene Mannschaft ablenken?
Der normale deutsche Fan (zugegeben, es gab zwischendurch eine gewisse Ami-Event-Randerscheinung namens Rhinefeuer)ist kein Popkorn-Stadionsesselfurzer wie es der amerikanische ist. Denen muß man ja sagen und mit der Heimorgel einen vortuten, wenn sie zu jubeln haben…
Manchmal war früher wirklich besser: Bundesliga mit Tabellenführer als Meister, ein paar lokalen Erzfeinden, die niederzubrüllen (nicht niederzuschlagen) waren, ein paar bayrischen Freunden und Gegnern und hinten ein paar Absteigern.
Es wäre schön, wenn die Liga- und Vereinsmanager noch etwas vom Fan und vom Lokalpatrioten* in sich hätten. Is aber nicht so. Wird sich so schnell auch nicht ändern.
*Patrioten, die über die Grenzen ihrer Heimatstadt mit Ihrem Patriotismus hinausgehen, kann ich nicht ausstehen, denn die sind nicht weit vom gefährlichen Nationalisten!
[ gesachtes von deejay am 12.10.2007 um 18:34 ]