gesachtes vom 20.11.2007

Build the bike!

Paul sen. & Paul jun. Teutul
Ich gestehe, ich bin aus vielerlei Gründen völlig fasziniert von der Reality Serie “American Chopper“, die auf dem Kerlekanal DMAX versendet wird. Wer’s nicht kennt: Die Motorradschmiede Orange County Choppers (OCC) gehört der Familie Teutul (gesprochen: Tattel). Vater Paul senior hat 1999 seinem metallverarbeitenden Betrieb eine Werkstatt zur Herstellung von Choppern auf Harley-Davidson-Bikes angegliedert, Paul junior war Mitgründer, und Sohn Mikey gehört irgendwie auch dazu. Der Clan baut zusammen mit seinen Angestellten die beklopptesten Chopper, die man sich nur vorstellen kann. In je zwei Folgen entsteht ein solches Bike. Dabei handelt es sich meist um Auftragsarbeiten. Große US-Unternehmen bestellen Chopper zu Ausstellungszwecken oder zur Verlosung für einen guten Zweck. Manchmal bauen die Jungs aber auch einfach so ihre Traummotorräder.

Das alles ist sowas von erzamerikanisch, dass man bisweilen nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. So fertigen die OCCler ein vor Kitsch triefendes Memorialbike für die Ney Yorker Feuerwehrleute, die bei den Attentaten vom 09.11.2001 umkamen oder einen Chopper im Military-Stil für die Jungs im Irak. Da wird kein patrotisches Klischee ausgelassen, aber wirklich kein einziges. Eigentlich ist ziemlich langweilige, einem Haufen bildungsferner Ami-Prolls dabei zuzusehen, wie sie ein mehr oder weniger fahruntüchtiges Monster nach dem anderen zusammenbasteln.

Die Spannung kommt vom Personal. Der Senior, ein Haufen von Kerl mit mächtig viel Tattoos und Seehundschnauz, gibt den Patriarchen, frei von Selbstzweifeln und mit der Kraft seiner Potenz. Seine Philosphie ist die von Macht und tendenziell auch Gewalt, diskutiert wird nicht. Den Junior kann man sich als klassischen Ami vorstellen: Ex-Quarterback seines Highschool-Teams, unbeweibt und mit dem unbestimmten Gefühl, ein Künstler zu sein. Tatsächlich geht er mit dem Punktschweißer um wie ein Maler mit dem Pinsel. Aber immer schön im Rahmen der feuchten Traumwelt amerikanischer Bikes, die zum Geradeausfahren gemacht sind. Der Alte versteht sich dagegen nicht nur als allmächtiger Boss, sondern auch als Arbeiter. Das führt zu allerlei Konflikten, die immer extrem lautstark und von fliegenden Gegenständen begleitet ablaufen. Das alles immer vor laufender Kamera – bis auf ein Mal. Da finden die Mitarbeiter des morgens jede Menge Kram auf dem Werkstattboden und ein Riesenloch in der Bürotür. Später hält Paul sen. einen knappen Vortrag, in dem er bekannt gibt, dass Paul jun. gekündigt hat und er nicht wüsste, ob er je wiederkäme. Bei diesem Megakrach haben die Teutuls dann sogar das Discovery-Channel-Team vor die Tür gesetzt.

Ein etwas übergewichtiger Hallodri namens Mickey stellt den Dritten im Bund. Der macht den Clown, hält alle von der Arbeit ab und ist Papas Liebling. Auch Mickey ist ein Archetypus der US-amerikanischen Söhneszene. Diese Jungs mogeln sich durchs College, gehen auf die Highschool, brechen irgendwann ab und landen als Maskottchen im väterlichen Unternehmen.

Wenn man sich “American Chopper” antut, kann man ne Menge über die Befindlichkeiten der einfachen Leute in den USA zu Zeiten der Bush-Administration lernen. Patriotismus sitzt tief, und andere Länder sind weit weg. Geradezu lachhaft ist die Arroganz, die das Trio bei einem Besuch in Grobritannien an den Tag legt. Da wird einem weltbekannten Motorrad-Oldtimer-Experten gönnerhaft eine OCC-Tasse geschenkt und ihm bescheinigt, dass er okay sei. Paris wird als Spielplatz fürs Scooter-Fahren erkannt, und der Rest von Europa ist irgendwie seltsam. Ganz im Sinne des Randy-Newman-Songs “Political Science” mit den Textzeilen “Asia’s crowded, Europe’s too old, / Africa is far too hot, and Canada’s too cold. / And South America stole our name / Let’s drop the big one, / There’ll be no one left to blame us.” Natürlich steht American Football im Zentrum des kulturellen Empfindens, und Mutti ist überhaupt die Größte. Ihre Jungs da drüben in Irakistan oder wie das heißt, verteidigen das alles und gehören moralisch voll unterstützt. Außerdem muss der Sprit billig bleiben, den die Familie fährt eine Flotte übler Benzinfresser, bestehend aus dem obligatorischen Hummer, einem Escalkade sowie einem weiteren Truckmonster.

Mich als vaterlosen Gesellen berührt aber auch der Dauerkonflikt zwischen Senior und Junior sehr. Der ist absolut archaisch, beinahe alttestamentarisch. Der übermächtige Vater (Könich Ödipuss) vögelt nicht nur die – übrigens derart ami-tussen-mäßig aufgebrezelte – Mutti, sondern hindert den Nachkömmling an der freien Entfaltung seiner Wünsche. Dass Paul senior seinen Erstgeborenen liebt, ist ständig spürbar, er kann es nur fast nie zeigen. Wie überhaupt das Verbergen von Gefühlen das durchgehende Merkmal des Umgangs aller untereinander, also auch der Mitarbeiter, ist. Die Angestellten hängen sich rein und tun und machen und ernten selten mehr als ein “Looks nice”. Statt dessen platzt der Alte, der ansonsten meist irgendwie sinnlos in seinem Office rumhängt, bisweilen in die Werkstatt und treibt das Volk mit einem gebellten “Build the bike!” zur Arbeit an. Nicht zuletzte deswegen, weil er ganz offensichtlich den Eindruck hat, alle außer ihm würden permanent rumfaulenzen.

Dass die Serie in Deutschland erstaunlich viele Fans hat, lässt vermuten, dass die hiesige Männerschaft eine tiefe Sehnsucht nach dem unverbauten Machismo der früheren Jahre hat, als der Vater noch ungestraft Frau und Kinder verprügeln und ansonsten seinen eigenen Interessen nachgehen durfte. Ein Remake von American Choppers mit einer deutschen Schrauberbude ist zwar vorstellbar, würde aber doch ein etwas zivilisierteres Verhalten an den Tag bringen.


[ von Rainersacht um 15:12 in diewelt ] [ 0573 x gelesen ] [ es wurde 1x was dazu gesacht ] [  ]

es wurde 1x was dazu gesacht

  1. deutschand hat das bessere occ: DIE LUDOLFS!!

    [ gesachtes von yallamann am 20.11.2007 um 15:36  ]

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