gesachtes vom 12.11.2007

Ultras? Hooligans? Alles eins…

“Sie sind Europas brutalste Hooligans, rechtsextrem und außer Kontrolle. Die Ultras haben Italiens Fußball im Griff – nach der Erschießung eines Fans attackierten sie radikal wie nie die Staatsmacht. Politik und Verbände reagieren hilflos: Sind die Radikalen überhaupt zu stoppen?”
(Quelle: SpOn vom 12.11.2007)

Der solches schmiert, heißt Ronny Blaschke und ist selbsternannter Hooligan-Experte. Im Gegensatz zu der ausgewiesenen Kennerin des italienischen Fußballs uns seines Umfelds, Birgit Schönau, lebt er nicht in Italien, sondern “wertet aus”, was er den Medien entnimmt. Ob er italienische Quellen “auswertet”, ist fraglich, denn dass er der italienischen Sprache mächtig ist, halte ich für unwahrscheinlich. Trotzdem schwallt der ehemalige Prometheus-Preisträger unterschiedslos von Hooligans und Ultras. Vielleicht ist der wahre Schuldige aber auch sein Koautor, Michael Braun, der ja Italienexperte ist …sich aber bislang nicht als Calcio-Kenner hervorgetan hat. Ob einer der beiden jemals in einer der Curve mitten zwischen Ultras gestanden hat, wage ich massiv zu bezweifeln.

“Doch der Tod des Lazio-Fans schweißte extremistische Hooligans jeglicher Klubs zusammen, um gemeinsam gegen Polizei und Regierung Front zu machen. Das ist neu. Die für Rechtsextremismus anfälligen Fanclubs, die sich sonst untereinander bekämpften, zogen am Sonntag zur vereinten Randale durch einige Großstädte.”
(Quelle: stern.de vom 12.11.2007)

So äußert sich die Korrespondentin Luisa Brandl, die ansonsten ein schlecht gepflegtes Blog (sage-undschreibe ACHT Beiträge in mehr als zwei Jahren) namens “Forum Romanum” (Wie originell!) betreibt, in dem der italienische Fußball bisher auch noch nie Thema war. Immerhin erklärt Frau Brandl die wütenden Fans einfach zu Hooligans, ohne den Begriff Ultras zu missbrauchen.

In der ZEIT brät Vincenzo delle Donne seine brandneuen Erkenntnisse über die faschistische Unterwanderung der diversen Ultra-Gruppen, die er 2006 jedem Medium verkauft hat, das nicht schnell genug weggelaufen ist, wieder auf. Einzig die taz bringt ein Interview mit Nanni Balestrini, das differnziert. Das Scheißblatt hat dagegen seine “Berichterstattung” gestern eingefroren, weil das ja alles viel zu kompliziert ist.

Dabei ist es nicht wirklich schwierig, zwischen Ultras und Hooligans zu unterscheiden:
“Hooligans treten häufig in größeren Gruppen auf und zeigen eine hohe Gewaltbereitschaft, was allerdings nicht auf das alltägliche Leben eines Hooligans zutreffen muss, da es recht unterschiedliche Charaktere unter den Hooligans gibt. In der Regel sind sie auch fanatische Anhänger eines Sportvereins, unterscheiden sich aber von den normalen Anhängern. Vor allem bei und im Umfeld von Fußballbegegnungen treffen sie auf ebenso aggressive Hooligans des gegnerischen Vereins. Bei der Konfrontation der miteinander verfeindeten Fangruppen kommt es häufig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Hooligans sind nicht nur von gewöhnlichen Fans und Ultras, sondern auch von anderen Gruppierungen, Szenen und Einzelpersonen zu unterscheiden, da sie eine bestimmte, charakteristische Art von Gewalt kultivieren. Abweichend davon wird der Begriff Hooligan von Außenstehenden oft für alle Randalierer und Schläger in und um die Stadien benutzt.”
(Quelle: Wikipedia)

Was in den Medien aus lauter Blödheit und Faulheit der Schurnalisten geschieht, hat aber im Sinne der vom erzkorrupten Blatter beherrschten Fußballindustrie Methode. In allen Ländern Europas streben die Wirtschaftsunternehmen, die sich Fußballvereine nennen, die straffe Kommerzialisierung ihrer Events im Sinne von Familienunterhaltung an. Bei diesem Vorhaben stören Fans, die sich total mit ihrem Club identifizieren, seien sie latent gewalttätig oder nicht. Gewünscht wird ein Publikum, das heute in die Arena geht, morgen einen Vergnügungspark aufsucht und übermorgen die Kinder bei einer Kaufarkadeneröffnung auf der Hüpfburg abstellt. Das ermöglicht a) die Erhöhung der Eintrittspreise, b) die Einnahmen aus Merchandising und c) die weitere, finanziell lukrative Vermarktung der TV-Rechte. Wahre Emotionen, die beim Fußball auch Wut umfasst, soll nicht stattfinden, sondern nur gelenktes Jubeln – am besten nach Anweisung über den Videowürfel.
Eine der taktischen Maßnahmen ist die Ausgrenzung der Ultras, indem man diese pauschal als gewaltbereit denunziert und so das Mittel des Stadionverbots anwenden kann. Man will diese Sorte Fans nicht. Man will den aktiven Fan, der sich einmischt nicht. Man will clean family entertainment. Besonders deutlich kann man das daran ermessen, seit wann, mit welcher Begründung und mit welchen Sanktionen jegliche Form von Pyro-Aktionen verboten wird. Wer schon länger als 10 Jahre in die Stadion der oberen Ligen geht, erinnert sich an tolle Szenen mit roten, bengalischen Feuern. Die Statistik besagt, dass es zumindest in Deutschland nie zu ernsthaften Unfällen gekommen ist. Ähnliches gilt für Rauchbomben. Irgendwann wurde Feuerwerk für gefährlich erklärt. Wenig später wurde das Abbrennen von Pyro-Sachen als Gewalt bezeichnet. Für jeden der durchweg verblödeten Fußballkommentatoren ist es kleine Münze, jeden Fan, der zündelt als Idioten zu bezeichnen. Inzwischen werden Vereinen, deren Fans pyromanieren, mit erheblichen Geldstrafen belegt. Gleichzeitig wird das Benutzen von Jubelartikeln (Fahnen, Transparente, Doppelhalter) im stärker reglementiert. Wer dergleichen in eine Arena mitnehmen will, braucht einen offiziellen Fahnenpass des Vereins. Das Zeigen von Spruchbändern wird inzwischen nach Gutdünken erlaubt oder verboten. Dies alles ist umso absurder, als es durch die scharfe Trennung gegnerischer Fangruppen in den Arenen Auseinandersetzungen, bei denen Fahnenstöcke als Waffen benutzt werden, praktisch ausgeschlossen.

Andere Länder, andere Maßnahmen. In England hat man nach dem Hillsborough-Desaster als Folge des Taylor-Berichts nicht nur die Stehplätze bei Spielen der obersten drei Ligen abgeschafft, sondern gleichzeitig die Eintrittspreise drastisch erhöht. Aktive Supporters (quasi die Vorstufe der Ultras…) können es sich so kaum noch leisten, jedes Heimspiel der eigenen Mannschaft zu sehen.

Und in Italien? Ähnlich wie in der Türkei haben dort korrupte Lokalpolitiker über Jahre Gruppierungen herangezogen, die sich als Druckmittel für ihre politische Forderungen einsetzen können. Berlusconis Aufstieg vom kleinen Unternehmer zum Mogul war nicht zuletzt möglich, weil er mit finanzieller Unterstützung Ultra-Gruppierungen des AC Milan gekauft hat, die in seinem Sinne tätig wurden. Auch und gerade die Faschisten haben diese Methode Mitte der neunziger Jahre für sich entdeckt – schlechtestes Beispiel sind die “Irreducibili” von Lazio Rom, die faschistisch unterwandert sind und auch außerhalb des Fußballs politisch agieren. Aber das ist nur die böse Seite des Ultra-Phänomens im Calcio. Die Vereine mit den zahlenmäßig größten Mengen an Ultras – Inter, AS Roma, Lazio, SSC Neapel – haben eben nicht nur “böse” oder “rechte” Ultras. Es gibt z.B. bei der Roma Gruppen mit 400, 500 Mitgliedern, der definitiv nicht rechtsradikal sind, sondern die ganz im Sinne der Ultra-Philosophie ihren Verein mit aller Kraft, 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr unterstützen. Wie es in Sizilien und im Mezzogiorno aussieht, weiß ich nicht genau, dort dürften die mafiosen Strukturen großen Einfluss auf die Fans haben. Gewalt ist seit mehr als 30 Jahren ein Problem rund um den italienischen Fußball, aber es ist kein Ultra-Problem.

Aber diese Differenzierung, diese genauere Betrachtung ist den hiesigen Journalisten viel zu anstrengend, zumal am Ende ihre schönen Horrorgeschichten dabei kaputt gehen könnten.


[ von Rainersacht um 21:11 in fussball, ichregmichauf ] [ 01500 x gelesen ] [ es wurde 2x was dazu gesacht ] [  ]

es wurde 2x was dazu gesacht

  1. Sehr interessante Sicht auf die Fan-Szene, ich hab das so noch nicht gesehen.

    [ gesachtes von Joerg am 13.11.2007 um 11:57  ]

  2. Hervorragender Beitrag. Danke dafür!

    http://www.repubblica.it/2007/11/sezioni /cronaca/tifosi-morto-2/eversione-ultra/ eversione-ultra.html

    ist ein ehr erhellender Artikel zur Entwicklung römischer (Lazio und AS) Ultra-Gruppen seit 1994. Ist dann doch alles gar nicht so spontan und romantisch, frei und fußball-bezogen wie von Außenstehenden manchmal gedacht. Interessant die politische Komponente der Ultrà-Gruppierungen, auf die wirtschaftliche Substanz z.B. der “Irriducibili” wurde ja selbst bei Spiegel Online hingewiesen.

    Ich selbst habe mich mit der Rolle der Medien und wie beide Seiten den Fall für sich instrumentalisierten in 3 Beiträgen auf meinem Blog auseinandergesetzt: http://www.altravita.com/?p=187

    Ich hoffe, der Link sei mir verziehen.

    [ gesachtes von altravita am 15.11.2007 um 11:21  ]

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