gesachtes vom 03.12.2007

Der Apple der Verführung

Der Äppel
“Da sagte die Schlange zur Frau: Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses. Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise und dass er eine Lust für die Augen und dass der Baum begehrenswert war, Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.”
(Quelle: 1. Moses 3, Elberfelder Bibel)

Natürlich lautet der Erschaffungsmythos der Firma Apple anders, und darin wird kein Bezug auf die Schöpfungsgeschichte genommen. Zumal ja in der Bibel selbst immer nur von den Früchten des Baumes der Erkenntis ist und nicht von Äpfeln. Angesichts der nachweisbaren spirituellen Neigung des Steve Jobs liegt der Verdacht nicht fern, dass er doch daran gedacht hat. Zumal Jobs sich ja auch in fast jeder seiner Reden zur Einführung neuer Apple-Produkte wie ein Heilsbringer geriert.

Gestern hatte jemand ein iPhone dabei und führte es vor. Die Faszination des Geräts sprang auf eine Person über, mit der später eine Diskussion über Ästhetik entstand. Deren Argumentation war idealtypisch, denn diese Person würde Produkte der Firma Apple immer wählen, weil sie ihr irgendwie ästhetisch erscheinen. Ich hielt dagegen, indem ich anführte, dass einem so ein iPhone nur dann so unglaublich schön vorkommt, wenn man ein normales Handy besitzt und noch nie eines der anderen schönen Geräte in der Hand hatte. Ähnliches gilt für die Computer: Wie kann man ein iBook, zumal ein weißes, schön finden, wenn man den direkten Vergleich mit einem Sony Vaio CZ2 hat? Offensichtlich wird also das Markenimage wahrgenommen, nicht die Realität. So wie immer noch Autokäufer glauben, Volvos wären aus Schwedenstahl und deshalb besonders sicher. Dass Apple-Geräte grundsätzlich ästhetisch besser seien als die Produkte anderer Hersteller, ist ohnehin nicht messbar, sondern eine Glaubensfrage. Glauben ist einfacher als Wissen, denn es entbindet einen von der argumentativen Auseinandersetzung – ganz im Stile des modernen Subjektivismusses: “Das ist nunmal meine Meinung”. Natürlich setzt Jobs schon seit den Tagen der ersten Macs auf diesen Glauben.

Die Apple-Jünger glauben ja auch, Macintoshe und iPods und iPhones seien “intuitiuv” bedienbar. Beweisen können sie das nicht, weil “intuitiv” keine Messgröße ist. “Intuition ist die Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte, Sichtweisen, Gesetzmäßigkeiten oder die subjektive Stimmigkeit von Entscheidungen durch sich spontan einstellende Eingebungen zu erlangen, die auf unbewusstem Weg zustande gekommen sind,” sagt Wikipedia. Dem entsprechend müsste es so sein, dass man einem x-beliebigen Probanden kommentarlos ein iPhone in die Hand drückt und ihn auffordert, damit ohne Anleitung verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Es würde nicht funktionieren, denn bei der Vorführung des iPhones gestern musste der Besitzer eigentlich jede eigentlich Funktion und vor allem die Bedienung mit den nackten Fingern erklären. Von fünf Testpersonen, die zuhörten, gelang es nur einer, zumindest die wesentlichen Funktionen auszuführen. Der iPhonist selbst gab später an, man müsse sich schon sehr mit diesem Handy auseinandersetzen, um alle Möglichkeiten auszuloten. Ähnlich ist es erfahrungsgemäß bei der Bedienung der Apple-Computer, die ja angeblich auch über eine intuitive Benutzerführung verfügen.

Historisch betrachtet aber hat Steve Jobs immer darauf gesetzt, seine Kunden zu verführen – ganz im Sinne der paradiesischen Schlange, die dem Urpaar eine Frucht vom Baum der Erkenntnis reicht. Seht her, sagt der Apple-Gott, wenn ihr diesen Apple used, dann könnt ihr in Zukunft Gut und Böse unterscheiden. Und gut ist der Apple, böse das andere. Wie in jeder Religion übernehmen die Gläubigen das Credo. Jede Debatte mit einem dieser Grafik-Designer über die Vor- und Nachteile von Windows-PCs nimmt denselben Verlauf. Am Ende bleibt den Applista nur zu wiederholen, dass der Mac cool sei und der Rest nicht.

Das iPhone (und natürlich auch der/die/das iTouch) sind die derzeitige Spitze der Verführung. Sie gaukeln vor, dass die Bedienung eines Computers mit den Fingern einfacher wäre als die mit Tasten (und Maus). Das ist nach allem was die Forschung über Benutzeroberflächen ergeben hat, einfach nur falsch. Übrigens genauso falsch wie die Annahme, Symbole (Icons) seien leichter zu entschlüsseln als Text – das gilt nämlich bestenfalls für optisch orientierte Legastheniker. Inzwischen erscheint es so, dass Icons quasi multilingual seien, weil die überwiegender Mehrheit der User seit Jahren von Microsoft (und auch Apple) auf das Verstehen der Bildchen gedrillt wurden. Auch der Umgang mit Maus und Tastatur ist inzwischen gelernt. Natürlich stellt die Auge-Hand-Koordination eine gewisse Transferleistung dar, aber eine, die der Position von Optik und Haptik im menschlichen Sinneskosmos bestens angepasst ist. Weiter noch: Dass ein Tastendruck eine Aktion auslöst, lernen ja sogar Ratten und weniger intelligente Tiere. Experimente mit Kindern der unterschiedlichsten Ethnien und sozialen Schichten zeigen immer wieder, dass es keine Schwierigkeiten macht, die Bewegung der Hand auf der einen Ebene mit der Bewegung eines Zeigers auf einer anderen, im Winkel von 90 Grad zur ersteren aufgestellten Ebene zu koordinieren – Maussteuerung ist vermutlich wirklich durch pure Intuition zu lernen, also “intuitiv”. Wie sehr die Arbeit mit der Maus heute zu den Kulturtechniken zählt, kann man daran ablesen, dass viele Notebook-Besitzer ständig eine Maus mit sich tragen, weil sie mit dem Touchpad des kleinen Computers nicht gut klarkommen.
Die Touchscreen-Steuerung ist der Maussteuerung in keinster Weise überlegen, sondern ein fauler Kompromiss. Jobs und Konsorten, also die Menge der Experten, die seit Jahrzehnten am Touchscreen arbeiten, verschweigen die Nachteile mit Methode. Wo der Finger ist, kann das Auge nichts sehen, die Hand verdeckt Teile der Bedienoberfläche. Bedienlemente (Buttons) müssen groß genug sein, damit Fingerdrücke eindeutig sind, Textelemente stören nur.

Das dümmste Argument für derlei User-Interfaces ist, dass deren Bedienung am ehesten dem entspräche, wie Menschen überhaupt Dinge hantieren. Es geht davon aus, dass die Person, die einem elektronischen Gerät begegnet, noch nie mit einem solchen in Berührung gekommen ist. Das ist natürlich Quatsch. Meine persönliche Erfahrung aus sechs Jahren Arbeit als Computertrainer, vorwiegend für Neulingen, in den Jahren 93 bis 98 zeigt, dass die Teilnehmer nur selten Probleme mit Maus und Tastatur hatten, aber erhebliche Schwierigkeiten, die Datenlogik zu begreifen. Diesem verbreiteten Unvermögen hat Apple seinerzeit mit der Dateiverwaltung des Mac beikommen wollen. Tatsächlich hat man aber das Prinzip der Datei als abgeschlossener Behälter von Daten einfach eine Metapher übergestülpt, die vielen Menschen a priori verständlich ist – den Schreibtisch und in der Folge das Konzept von Dokumenten und Ordnern. Interessanterweise handelt es sich dabei um ein zweidimensionales Bild, das bestenfalls den Stapel als dreidimensionales Element erlaubt. Ganz offensichtlich können Computeranwender die Projektion der dreidimensionalen Welt auf den zweidimensionalen Bildschirm bestens akzeptieren – kein Wunder, ist doch die Betrachtung und Entschlüsselung des Tafelbilds seit einigen Jahrtausenden gelernt.

Das alles aber verneint der Apple-Adept, der aber den direkten Vergleich scheut. Wenn jemand – wie geschildert – vom iPhone fasziniert ist, dann vermutlich nur mangels Vergleichsmöglichkeit, also beispielsweise mit Smartphones, die per Stift und/oder Tastatur bedient werden. Tatsächlich ist das iPhone Geräten wie dem Treo oder dem N95 nur in einem Punkt überlegen: Es sieht besser aus und fühlt sich besser an. Diesen minimalen Vorteil, der die Funktionalität nicht fördert, zu einem Glaubenssatz zu machen, sodass selbst vernunftbegabte Leute immer wieder erklären, das iPhone erlaube es auch Technophoben “herumzuspielen”, ist das Verdienst des Gurus Steve Jobs. Tatsächlich ist dieses Spielargument ein Widerspruch in sich: Wer technikfeindlich ist, will nicht herumspielen, sondern wünscht sich, dass Geräte funktionieren. Nur Technophile finden Gefallen daran, mit technischen Geräte herumzuspielen.

So gesehen hat Jobs wieder einmal nur seine eigentliche Zielgruppe verführt und den Kreis seiner Gläubigen wohl eher nicht vergrößert.


[ von Rainersacht um 13:16 in diesunddas ] [ 0428 x gelesen ] [ dazugesachtes nicht möglich ] [  ]

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