
“Der Sprecher des Berliner Kinderhilfswerks ‘Die Arche’ betreut gefährdete Jugendliche. Pornokonsum sei die Hauptursache für sexuelle Verwahrlosung, die immer stärker zunehme. Bei Beziehungen gehe es vielen Jugendlichen nur noch um Sex. ‘Gefühle spielen keine Rolle’, sagt Büscher.”
(Quelle: ARD – Vorschau zu “Menschen bei Maischberger” am 04.12.2007)
Koinzidenz der Themenfindung: Vor einer Woche habe ich hier den ersten Teil meiner Serie “Gegen Porno” gepostet. Gestern war auch Pornografie Thema der Diskussion unter der Ägide von Frau Maischberger, der man den Titel “Keuschheit statt Porno – brauchen wir eine neue Sexualmoral?” verpasst hatte, damit man auch diesen Nathanael Liminski einladen konnte, der Bücher über die katholische Jugend schreibt, fanatischer Katholik ist und sich den ersten Fick erst nach dem Empfang des passenden Sakraments praktizieren will. Dem entsprechend ging es eigentlich nur am Rande um Porno. Und im Wesentlichen in den Beiträgen des Typs vom notorischen Hilfswerk Arche. Die Aussage, dass Unterschichtkinder durch Pornokonsum gefühlsmäßig verwahrlosen, leuchtet mir ein; skeptisch macht mich die Tatsache, dass diese Organisation nahezu die einzige Quelle in Deutschland ist, die zum Thema zitiert wird. Das riecht ja immer danach, dass eine Institution mit einem möglichst exklusiven Thema profilieren will. Zumal ansonsten Studien zum Konsum harter Pornografie durch Kinder und Jugendliche unter 14 vollständig fehlen. Dass ausgrechnet der Stern, der ja gern selbst zu milden Themen nackte Weiber auf den Titel hievt, mitmischt, verdoppelt die Skepsis. Anfang des Jahres sind weitere Medien auf den Zug gehopst und benutzen gern das Schlagwort von der “sexuellen Verwahrlosung” – billigend in Kauf nehmend, einen Begriff zu missbrauchen, der von den Nazi-Faschos seinerzeit geprägt wurde, um Frauen, die sexuell selbstbestimmt leben wollten, aus dem Verkehr zu ziehen. Als dann die ohnehin unzurechnungsfähigen Jungliberalen im Februar die Freigabe von Pornografie ab 16 forderten, wurden sie von den einschlägigen Journalisten heftigst gebasht.
Sowohl die miese Kampagne in Sachen “Verwahrlosung” als auch der Vorstoss der Julis gehen meilenweit am Problem vorbei, weil sie den Kontinent “Porno” nicht in seine Regionen aufteilen. Wo aber sind die Grenzen? Wodurch sind sie definiert? Welche Art Pornografie dient der “Aufklärung” und der sexuellen Selbstbestimmung, welche beeinflusst das Sexualverhalten negativ? Die Meinungen dazu haben sich in den vergangenen 50 Jahren dramatisch verändert. Galt in den fünfziger Jahren die Abbildung des nackten Körpers als Foto oder im Film noch als pornografisch, fokussierte sich die Wahrnehmung von Abbildungen als Porno im Verlauf der sechziger Jahre auf die primären Geschlechtsorgane. Für viele Menschen des christlich geprägten Kulturkreises gelten Bilder einer nackten, womöglich geöffneten Möse und eines erigierten Schwanzes grundsätzlich als Porno. Danach richtet sich in den meisten Staaten dieses Kulturkreises auch die Gesetzgebung, denn derlei Abbildungen bilden die Grenze des Jugendschutzes. So müssen in den meisten Ländern Websites, die weibliche und männliche Geschlechtsteile in Bereitschaft zeigen, eine altersabhängige Zugangsbeschränkung aufweisen. Das gilt selbstversändlich für explizite Aufnahmen des praktizierten Geschlechtsverkehrs.
Wenn das schon Pornografie wäre, dann bin ich der Ansicht, dass diese tatsächlich auch für geschlechtsreife Jugendliche freigegeben gehört (was immer das in konkreten Altersangaben heißen mag). Zumal dann, wenn es sich um die Darstellung freiwilligen, nicht-diskriminierenden Sexualverkehrs handelt. Im zarten Alter von ungefähr 15 Jahren fiel mir ein dänisches Magazin in die Hände, ein Pornoheft. Die Bilder zeigten auf explizite Weise ein Paar bei der Ausübung des Geschlechtsverkehrs – vom zärtlichen Vorspiel bis zum gemeinsamen, ja, Kuscheln nach vollbrachter Tat. Besonders stark beeindruckte mich der einleitende Text. Das Paar gab darin an, es habe diese Fotos von sich machen lassen, um ihren (damals noch nicht vorhandenen) Kindern ein Dokument der Liebe zu hinterlassen. Dieses Heft löste bei mir verschiedene Reaktionen aus. Natürlich erregten mich die Bilder, sodass ich mehrfach nach der Betrachtung onanierte. Stärker war aber die Sehnsucht danach, auch so mit dem Mädchen, in das ich verliebt war, zu vögeln – genau so, also mit Streicheln, Knutschen, Lecken und allem Drum und Dran. Tatsächlich habe ich anhand dieses Magazins gelernt, was Sex in einer Beziehung sein kann. Dieses Heft war ein entscheidender Teil meiner persönlichen Sexualaufklärung, da konnte nicht mal Kolles “Helga” gegen anstinken.
Komischerweise löste diese “Lektüre” nicht den Wunsch aus, mehr davon zu sehen. Das kam ein knappes Jahr später. Einer meiner Onkel war gestorben. Zusammen mit meiner Mutter löste ich den Haushalt auf. In der Abstellkammer fielen mir stapelweise Bildbände, Magazine und Packen Fotos in die Hände. Alles was damals so bei Beate Uhse zu bestellen war, bis auf die Fotos. Die hatte der Onkel offensichtlich mit dem Selbstauslöser aufgenommen. Man sah ihn zusammen mit drei verschiedenen Damen unterschiedlichsten Alters in dem, was man damals wahrscheinlich “anzüglichen Posen” nannte. Die Akteure waren immer nackt. Der Onkel, damals wohl um die sechzig Jahre alt, oft mit steifem Glied, die Frauen mit gespeizten Beinen. Ich war schockiert. Nicht wegen der Abbildung nackter Erwachsener, sondern nur, weil eines der Models ein Verwandter war, und – vor allem – ein alter Mann. Meine Mutter vernichtete das belastende Bildmaterial, aber mir gelang es, zwei Bildbände und zwei oder drei Magazine beiseite zu schaffen; ein schöner Vorrat an Wichsvorlagen.
Einer der Bände war, so der Titel, “der Schönheit des weiblichen Lustzentrums” gewimdet und zeigte einen Haufen Mösen von Frauen verschiedener Kulturkreise mit und ohne Schamhaar und aus verschiedenen Entfernungen, alles sehr clean abfotografiert. Irgendein Professor hatte dazu erheblich schülstige Texte verfasst. Auch dieses Buch vertiefte meine Kenntnisse sehr und pflanzten mir die Erkenntnis ein, dass die Vulva mit allem Drum und Dran das ästhetisch eindrucksvollste menschliche Organ ist. Später habe ich mich auf der Basis gern mal selbst und durchaus ironisch als Mösenfetischist bezeichnet. Zum Fund zählte auch ein textfreier Fotoband aus dem Orion-Verlach (also eine Uhse-Eigenproduktion) mit Fotos von fickenden Menschen an verschiedenen Orte. Die Abgebildeten sahen aus wie Unsereiner, die Jungs mit langen Haaren, die Mädels geschminkt im Stile der Zeit. Diese Fotos geilten mich zwar auch auf, aber lösten auch eine weitere Erkenntnis aus: Ficken kann allen Beteiligten großen Spaß machen. Damit hatte ich schon drei gute Grundlagen für ein halbwegs glückliches Sexualleben beisammen: Zärtlichkeit, Respekt, Freude. Wie es mir gelang, dass – zumindest teilweise – in Lebenswirklichkeit zu übersetzen, soll hier verschwiegen bleiben.
Wenn das alles also Pornografie sein sollte, dann hat sie mich durchweg positiv beeinflusst. Und hat mich auch ganz offensichtlich in der richtigen Lebensphase erwischt. Wenn ich davon ausgehe, dass heute Kinder von 11, 12, 13 Jahren oft eine vergleichbare “Reife” erreichen wie wir damals, dann bin ich der Ansicht, dass ihnen Pornografie der geschilderten Art nicht nur zuzumuten, sondern zu empfehlen ist.
Daraus ergibt sich für mich, dass die Grenze zur bösen Pornografie mit drei Begriffen zu kennzeichnen ist: Gewalt, Respektlosigkeit, Leistung. Dazu demnächst mehr.

