
Die Ringelsweide ist – anders als der Name vermuten lässt – eine Straße in Düsseldorf; eine merkwürdige Straße dazu. Sie spielt in meinem Leben schon seit fast fünfzig Jahren eine Rolle. Merkwürdig an der Ringelsweide ist, dass es sich um eine Sackgasse handelt, die in einem Parkplatz ausläuft. Dieser grenzt wiederum an den Düsseldeich. Zwischen der Erasmusstraße und der anderen Straße mit nem merkwürdigen Namen, Auf’m Hennekamp, gibt es ein – wie schon andernorts berichtet – ein oberirdisches Stück der südlichen Düssel. Vom Ringelsweiden-Parkplatz geht man ein paar Stufen hinauf und dann wieder ein paar Stufe hinunter. Da ist dann der Düsselweg, den ich fast täglich mittem Hund bewandere.
Wenn man von der Oberbilker Allee in die Ringelsweide einbiegt, findet sich rechter Hand ein durchgehender Wohnhauskomplex aus den fünfziger Jahren. Wenn ich nicht ganz falsch liege, handelt es sich um so genannte “Bahner-Häuser”, also um Wohnbauten der ehemaligen Bundesbahn für ihre Bahnbeamten. Vor diesem Häuserriegel verläuft eine ziemlich breite Kastanienallee, die sich Fußgänger und Radfahrer teilen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite beginnt die Bebauung mit der runden Ecke des Toom-Baumarkts, der ausgesprochen chaotisch in mehreren unzusammenhängenden Gebäuden untergebracht ist. Daneben hat man Anfang der Achtziger einen modernen Bau hingesetzt. In einem davon gab es bis vor ein paar Monaten ein Kieser-Training-Studio; und in diesem Haus habe ich vor nicht allzu langer Zeit drei Jahre lang gewohnt. Noch während ich da wohnte, wurde nebenan ein Haus mit lauter Sozialwohnungen errichtet. Dort herrscht Multikulti pur, was man gerade im Sommer an den diversen Kochgerüchen und den sehr unterschiedlichen Musiken erkennen kann, die aus dem Bau strömen. Unten hat unser Tierarzt seine Praxis. Bevor es zum Parkplatz geht, finden sich drei, etwas zurückgesetzte, zweistöckige Häuser. Davor noch der Ausstellungsraum eines Sanitärmarktes, der im Hinterhof liegt. Früher soll hier, lernte ich von Peter, eine Tapetenfabrik gewesen sein.
Die linke Seite des Parkplatzes grenzt an das Gelände der Bezirkssportanlage, die mit einem richtigen kleinen Fußballstadion für den Oberligisten TuRU 1880 sowie einem Kunstrasen- und einem Naturrasenplatz ausgerüstet ist. Die andere Seite, neben dem Gehweg oberhalb der Parkfläche, bildet der Zaun zum Schulhof sowie die Sporthalle an der Färberstraße, in der vor mehr als 10 Jahren in der Ägide des legendären Trainers Hotte Bredemeier die TuRU in der Handballbundesliga glorreiche Partien absolvierte.
Vor ein paar Jahren nannten wir den Parkplatz immer nur den “Polenparkplatz”. Das war weniger diskriminierend gemeint als es sich anhört. Denn zu der Zeit standen dort immer etliche Lieferwagen, VW-Busse und Kombis mit polnischen Kennzeichen herum, in denen polnische Kollegen übernachteten, die von hier aus zu ihren Arbeitsstellen fuhren. Das ist so gut wie vorbei, denn das Haus an der Ecke Oberbilker Allee / Corneliusstraße ist mittlerweile ein Wohnheim für Arbeitsemigranten.
Außerdem nutzte bis vor kurzem ein Taxiunternehmer den Parkplatz als Hauptquartier. Zu regelmäßigen Uhrzeiten fuhr dort ein VW-Bus vor. Man öffnete die Heckklappe und harrte der Dinge. Nach und nach liefen sieben, acht und mehr Taxen ein. Die Fahrer vollführten am VW-Bus irgendwelche Geschäfte, bestiegen dann ihre Privatautos, denn es fand der Fahrerwechsel statt. Offensichtlich hat der berühmt-berüchtigte Düsseldorfer Ordnungsdienst dieser Nutzung ein Ende gemacht, denn ich habe schon seit einigen Monaten dort weder Taxen, noch den weißen VW-Bus gesehen.
Im Viertel hinter dem Schulhof ist nicht nur eine Haupt- und Realschule untergebracht, sondern auch eine Berufsschule. Außerhalb der Ferien ist der Parkplatz voll mit den Wagen der Schüler. Offensichtlich wird an der Schule auch Automechanik gelehrt, denn die Fahrzeuge der Berufsschüler sind leicht als Projekte potenzieller Tuner zu identifizieren. Der größte Teil ist erheblich tiefergelegt und mit armdicken Auspuffrohren ausgerüstet. Einige haben aufwändige Lackierungen, die bei etlichen Autos nicht ganz fertig sind. Diverse Spoiler zieren die Kisten, und während der Pausen finden schonmal lautstarke Vorführungen auf der ansonsten stillen Ringelsweide statt. Dann begegnet man auch den Berufsschülern, die in Gruppen herumschlendern oder -stehen. Es riecht gut, und man kann leicht stoned werden, wenn man an den Grüppchen vorbeikommt. Ja, da wird in der Pause gekifft. Und zwar von allen und in großen Mengen. Würd mich mal interessieren, wie die Picos (Düsseldorfer Ausdruck für präpotente Testosteronbömbchen…) sich nach dem Genuss von Canabis im Unterricht verhalten.
Es handelt sich praktisch nur um Kerle; grob geschätzt habe ich in diesen Horden bisher maximal drei verschiedene Frauen gesehen. Die Jungs tragen komische Jeans oder Tarnfarbenhosen und gehen, als seien ihre Eier doppeltfausgroß. Man hört sie reden, aber die Gespräche bestehen im Wesentlichen aus den Silben “alda”, “isch” und “geil”. Am Büdchen und beim Lidl holen sie sich zuckrige Getränke und billige Kekse, die sie im Gehen in sich hineinstopfen. Alle haben die Haare gegelt, manche zum Hahnenkamm (auch “Strichertolle” genannt…), manche wie Kuranyi. Die meisten finden unseren Hund klasse und fragen dann: “Ey, wie schnell iss der?”
Auf der Ringelsweide wohnt eine durchgeknallte Dame. Die hat einen kaum noch gehfähigen Dackel und trägt einen Pelzmantel. Sie redet auf Leute ein und erzählt böses Sachen über andere. Als wir Pina gerade ein paar Wochen hatten, verbreitete sie das Gerücht, wir würden den Hund absichtlich hungern lassen und sie würde uns beim Tierschutz anzeigen. Seitdem lasse ich immer ein schlimmes Wort fallen, wenn wir an ihr vorübergehen. Außerdem erwische ich sie regelmäßig beim illegalen Taubenfüttern. Manche behaupten, sie seinen von dieser Ollen massiv bedroht worden. Sie sei früher eine Edelnutte gewesen und habe immer noch Zugriff auf Schläger.
Seit neustem treibt auf dem Gehweg der Ringelsweide ein Extrem-Jogger sein Unwesen. So ein schmaler Hering mit verkniffenem Gesicht, dem die Radlerhose in der Kimme klemmt, der den Schweiß sichtbar am Rücken trägt und zu allem Überfluss einen dieser Joggerkinderwagen vor sich her schiebt. Der läuft ein paar Schritte, dann versetzt er dem Brutkasten auf Rädern einen Stoß, dass der Vorsprung gewinnt, und er läuft hinterher. Rücksicht kennt dieser Rennpisser nicht. Grad heute kam er angeschnauft, während der Hund in seiner angestrebten Fahrtrichtung trottete. Er brüllte die arme Pina an, die zur Seite sprang. Das macht er aber auch gern mit Menschen. Wenn dieses Arschloch angetrabt kommt, dann sollen sich die Leute davonmachen. Irgendwann kriegt der n paar auf seine feuchten Ohren…
Die Ringelsweide strotzt vor Merkwürdigkeiten. So ist ihre Zugehörigkeit zu den umliegenden Stadtteilen unklar. Bei Wahlen zählen die Bewohner zur Friedrichstadt. Laut der entsprechenden Karten gehört die Straße aber zu Oberbilk. Schaut man sich im Katasteramt aber die Liste der Straßen an, dann liegt die rechte Seite in Bilk – und zwar im alleräußersten nordöstliche Zipfel – und die linke Seite in Oberbilk. Schließlich ist es so, dass die für die Ringelsweide geltende Postleitzahl eine ist, die in Oberbilk vorkommt.
Ich habe sehr gerne dort gewohnt. Unsere Wohnung im fünften Stock hatte je eine Terrasse nach vorne und nach hinten raus. Auf der Rückseite hatte man einen unverbaubaren Blick auf den S-Bahnhof Volksgarten, über ebendiesen Volksgarten und die Baumwipfel des Südparks. Auf der anderen Seite konnte man viele der markanten Bauten der Stadt sehen; und im Wohnzimmer hatte man die Aussicht auf den blinkenden Rheinturm. Ich glaube, diese Wohnung hätte ich gern wieder.
[Dies ist ein freies Düsseldorf-Foto zur freien Verwendung! Klick auf Bild macht groß]


öhem *hüstel* welches foto?
[ gesachtes von yallamann am 20.12.2007 um 18:04 ]
Kurzfristige Datenbankinsuffizienz…
[ gesachtes von Rainersacht am 20.12.2007 um 19:20 ]
Ne, Rainer, die Bahnerhäuser, das waren die auf der anderen Seite der Oberbilker Allee. Ein Teil liegt etwas nach hinten versetzt, um einen viereckigen Platz. Wir nannten den ganzen Gebäudekokmplex den “Block”. Beim Fußball auf der Ringelsweide kam es zu Begegnungen mit den Jungs aus dem “Block”, die dazu die breite Oberbilker Allee überqueren mußten. Weshalb diese Begegnungen für uns die Anmutung von Länderspielen hatten.
Die Eltern meiner Freunde, die auf der Ringelsweide wohnten, waren Glaser, Postler und Angestellte bei der Stadt, keine Eisenbahner.
[ gesachtes von pistolpete am 20.12.2007 um 22:21 ]
Danke, Peter. Dass die Bauten auf der Oberbilker Allee Bahner-Häuser waren und sind, wusste ich. Ich dachte aber, die auf der Ringelsweide auch…
Was war zwischen dem heutigen Toom und den zweigeschossigen Häuser noch außer der Tapetenfabrik?
[ gesachtes von Rainersacht am 20.12.2007 um 22:30 ]
Danke
So wird’s lebendig
[ gesachtes von richie am 21.12.2007 um 07:55 ]
Toom ist für mich noch immer der “Schmolla” aus Kindertagen. Das war der Laden vor Toom. Als gebürtiger Oberbilker (oberes Ende: Oberbilker Allee 327) bedeutete die Ecke an der Ringelsweide/Färberstraße vor der Unterführung immer das Ende von Oberbilk.
Wenn ich als heutiger Bilker mal schnell eine Schraube brauche, gehe ich noch immer zu Schmolla und nicht zu Toom. Das fällt leicht, denn das Chaosprinzip, das diesen seltsam antiquierten Baumarkt zu lenken scheint, regierte in noch ausgeprägterer Weise schon zu Schmollazeiten. Die hatten es sogar geschafft, in dieses Durcheinander einen Supermarkt für Lebensmittel zu integrieren, der für die Einkäufe meiner Eltern erst uninteressanter wurde, als “Albrecht” (heute Aldi) seinen Expansionsweg begann. Nebenher war Schmolla der erste Baumarkt, an den ich mich erinnern konnte. Einer, der bei meinem Vater einst sogar immer öfter vom Eisenwarenhändler Gebhard (Kölner Straße – gibt es sogar noch immer!) weglocken konnte.
Es ist schon interessant, wie viele Geschichten mit einer so unbedeutenden Straße in Verbindung stehen. Find’ ich gut.
[ gesachtes von deejay am 26.12.2007 um 14:04 ]
[...] So unscheinbar die Ringelsweide ist, sie verbindet nicht nur Fürstenplatz und Volksgarten, sondern auch Menschen. [...]
[ pingback von Fürstenplatz - Düsseldorf » Ringelsweide am 18.02.2008 um 09:46 ]
Ich wohne schon seit über 20 Jahren dort und habe mich köstlich über den Artikel amüsiert. Es ist genau so wie beschrieben. Selbst nach 20 Jahren sage ich noch Schmolla, fragt mich jemand in welchem Stadtteil ich wohne, sage ich mal Bilk, Oberbilk oder Friedrichstadt, je nach Stimmung… Die beschriebenen Leute sind mir sehr bekannt. Aber das Taxiproblem besteht immer noch. Gerade Nachts machen die ziemlich viel Lärm.
[ gesachtes von Andrea am 23.05.2008 um 11:45 ]