
Ja, ich schäme mich schon. Dass ich Dieter Forte erst jetzt entdeckt habe, den Düsseldorfer Erzähler, und seine Trilogie. Im “Muster” geht es um die Völkerwanderung, deren Fäden sich am Ende in der schönsten Stadt am Rhein, meiner Heimatstadt verknoten. Da ist der Fontana-Clan, der aus Lucca stammt und über die Jahrhunderte per Florenz, Lyon und Iserlohn teilweise hier landete. Und das sind die Lukascyks aus den Obra-Sümpfen in einem Land, das immer gern Polen gewesen wäre, aber dank der Preussen und Russen über Jahrhunderte nicht sein durfte. Dort heißen die Männer Joseph und die Frauen Maria. Man wanderte ins Ruhrgebiet aus, und eine Maria landete in Düsseldorf, wo sie ihren Friedrich Fontana traf.
Das ist mehr als zwei Familiensagas, das ist ein Geschichtsschlag über mehr als 500 Jahre hinweg. Jedenfalls im den ersten zwei Dritteln des Buches (in denen man schonmal den Überblick über die diveresen Fontanas und Maria-und-Josephs verliert). Dann springt die Geschichte an den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts und nach Düsseldorf. Damit wird’s für alle, die in dieser Stadt geboren sind und sie lieben, spannend. Denn neben der weiter laufenden Familienzusammenführung zeigt Forte ein Bild des proletarischen Stadtteils Oberbilk, der bis weit in die sechziger Jahre hinein der industrielle Bauch der Stadt war. Wie in den Zwanzigern rund um die Kölner Straße die politischen Extreme aufeinander prallten, welche anarchistischen Strukturen sich bildeten und wie sich das von Bahndämmen geschützte Viertel gegen Angriffe von außen wehrte, das ist mehr als Stadtgeschichte.
Wer sich nicht für Düsseldorf interessiert, kann sich an den Gemütsbildern dieser unterschiedlichen Menschentypen erfreuen: des eher sorgenvoll-melancholischen Polen und des eher lebensfroh-manischen Italieners. Und über Multikulti vor neunzig Jahren erfährt man auch eine Menge.



Dann aber bloß nicht den zweiten Teil vergessen: Der Junge mit den blutigen Schuhen
Darin auch die Geschichte des Moritz Sommer (im Roman trägt er einen anderen Nanmen), eines der letzten Naziopfer – aufgeknöpft auf dem Oberbilker Markt. Von einer alten Oberbilkerin hörte ich die Geschichte, vergaß sie, bis sie durch das Buch Fortes wieder in mein Bewußtsein zurückkam. Sehr bewegend, sehr echt und endlich etwas, das Oberbilk als Kulturkreis wertvoll werden läßt, wie es sich kaum jemand in Düsseldorf und anderswo vorstellen kann.
[ gesachtes von deejay am 09.02.2008 um 22:17 ]