
Mit dem Fußball ist es insgesamt wie mit dem Sex. Es kann dabei darum gehen, dass sich zwei oder Menschen miteinader körperlich beschäftigen und so gegenseitige Freude oder sogar Befriedigung erzielen, oder es kann sich um Ficken und Gefickt-Werden drehen. Der entfesselte Turbokapitalismus neigt dazu, die Beziehungen zwischen Menschen völlig aufzulösen bzw. nur noch Machtverhältnisse zuzulassen. Dafür steht beim Sex die Porno-Industrie, die den Menschen einhämmert, dass jeder für sich allein ist – zum Masturbieren, zum Ficken oder zum Gefickt-Werden. Ganz ähnlich ist es beim Fußball. Ein Match kann sein wie guter Rudelbums: 22 Kerle (oder Mädels) toben über den Platz, ein paar Zugehörige an der Linie beteiligen sich nach Kräften, und die Hunderte, Tausende, ja, Zehntausende auf den Zuschauerplätzen lassen sich vom Geschehen auf dem Rasen zu eigenem Gruppentreiben anregen. Wir reden hier nicht vom Voyeurismus der Zuschauer, das gibt es eher beim Porno, wir reden vom Mitfiebern, Mitleiden, Anfeuern, Singen, Grölen, Schimpfen, Hüpfen, Miteinanderreden, wild fremde Menschen umarmen – Massenemotion. Das geht beim Fußball in jeder Liga, ob vor 120 Fans in der Provinz oder unter 80.000 Besuchern einer Bundesligabegegnung. Was wir aber derzeit im Fußball in Deutschland erleben, ist eine Pornofizierung des Spiels, die Kommerzialisierung des Sports. Und so wie Pornografie Erotik tötet, so wird der Kapitalismus den Fußball töten. Ja, recht eigentlich liegt der Fußball schon im Sterben, wir alle haben’s nur noch nicht bemerkt oder wollen es nicht wahrhaben.
Dabei mehren sich die Zeichen, denn immer mehr Vereine, auch so genannte “Traditionsvereine” liegen im Sterben. Das Sterben eines Fußballclubs zeigt sich heute darin, dass Insolvent angemeldet wird. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren gab es das noch gar nicht. Damals stiegen Vereine einfach ab, zum Teil freiwillig, die Spieler gingen, neue kamen und notfalls begann mit in der Kreisliga neu. Heute sind die Vereine schon ab Ligaebene 4 (in einigen Fällen auch darunter) Wirtschaftsbetriebe, die mit Vermögen und Verbindlichkeiten hantieren, eine Kreditlinie bei der Bank haben und sich auch sonst anfühlen wie mittelständische Betriebe oder Großunternehmen. Es hat auch in den 90er Jahren Fälle gegeben, in denen Clubs zahlungsunfähig wurden und ihre Spieler und Mitarbeiter nicht mehr entlohnen konnten. Aber eine echte Pleitewelle gibt es erst seit 2000. Die Liste reicht vom ehemaligen Bundesligisten FC Homburg über den FC Gütersloh bis zu KFC (Bayer) Uerdingen. Bis dahin traf es in der Regel Vereine, die aus der zweiten oder dritten Liga abgestiegen waren und dabei Sponsoren verloren hatten. Aber jetzt sind gut die Hälfte der Clubs in den beiden Regionalligen bedroht. Am Ende fast der VfB Lübeck, aber auch Dynamo Dresden ist ganz konkret bedroht.
Ursache für das drohende Desaster ist der Entschluss des DFB, eine bundesweite dritte Liga einzuführen. Bisher galten allein die erste und die zweite Bundesliga, gemeinsam verwaltet von der DFL Deutsche Fußball Liga GmbH als Profiligen, weil nur dort ausschließlich Spieler mit einer Lizenz des Ligaverbands spielen dürfen, während alle Fußballer in den darunter befindlichen Ligen entweder Nicht-Amateure oder Vertragsamateure sind, die von keinem Verband lizensiert, sondern von ihrem Verein beim zuständigen Verband für den Spielbetrieb angemeldet werden. Bezahlt werden Spieler aber bereits ab der Verbands- bzw. Landesliga. In den noch niedrigeren Klassen werden teilweise Aufwandsentschädigungen geleistet. Mit der Einführung der Dritten Liga kommt massiv Bewegung in die Ligapyramide. Denn von den bisher 37 Vereinen der jetzigen Regionalligen werden nur 20 in der neuen dritten Bundesliga antreten können. Unterhalb der Liga 3 wird es in Zukunft drei Regionalligen (Nord, West und Süd) mit je 18 Clubs geben. Das bedeutet: Von bisher rund 200 Vereinen auf Ebene 3 und 4 der Pyramide werden nur noch 74 übrig bleiben. Dies hat sich nicht der DFB allein ausgedacht. Eher im Gegenteil: Auf Initiative einiger Traditionsvereine (u.a. meiner Fortuna Düsseldorf) haben mehrere Landesverbände diesen Vorschlag eingebracht. Die Idee dahinter war zum einen, mehr Zuschauer durch attraktivere Begegnungen zu generieren, und zu anderen, an substanzielle TV-Gelder zu kommen, denn die Fernsehrechte an der dritten Liga werden in Zukunft zentral von der DFL vermarktet.
Ursprünglich war vorgesehen, dass die Zweitvertretungen der Erst-, Zwei- und zukünftigen Drittligisten nicht über die Regionalligen hinaus aufsteigen dürfen (bisher dürfen Sie ebenfalls nicht weiter als bis in eine der Regionalligen aufsteigen); dies wurde aber von den Vertretern der mächtigen Vereine abgebügelt. Hintergrund für den Antrag war, dass gerade die Drittligaclubs mit größerem Zuschauerinteresse bei Spielen gegen zweite Mannschaften regelmäßig vor halbleerem Haus spielen. Finden die Heimspiele von Zweitvertretungen an dem Tag statt, an dem auch die Erste spielt, sind meistens keine Heimfans da. So erklärt sich, dass in den derzeitigen Regionalligen ein Zuschauerschnitt von insgesamt kaum 4.000 erzielt wird, obwohl bei Spitzenspielen – z.B. Fortuna Düsseldorf gegen Rot-Weiss Essen – über 27.000 Zuschauer dabei sind. Die dritte Liga verspricht also allen, die es schaffen, sich dafür zu qualifizieren, höhere Ticketeinnahmen, mehr Fernsehpräsenz, dadurch bessere Sponsoring- und Merchandising-Möglichkeiten. Umgekehrt werden sich die Einnahmen für die Mannschaften, die in Liga 4 landen, drastisch verringern. Einerseits weil wesentlich weniger attraktive Begegnungen stattfinden werden, andererseits weil es keine TV-Einnahmen mehr geben wird und deshalb vermutlich scharenweise Mäzene und Sponsoren abspringen werden. Da gleichzeitig die Kosten für den Spielbetrieb durch weitere Reisen steigen werden, müssen alle Vereine, die in die Regionalligen “absteigen”, drastische Sparkurse fahren.
Dieses Szenario ist den meisten Verantwortlichen der derzeitigen Regionalligisten mehr als klar, was dazu geführt hat, dass gut drei Viertel der Clubs die Qualifikation für die dritte Liga um jeden Preis anstreben. Dieser Preis heißt “Verschuldung”. Gerade die so genannten “Tradtionsvereine” (ehemalige Deutsche Meister, Pokalsieger und langjährige Mitglieder von Liga 1 und 2) haben vor der Saison massiv aufgerüstet und teilweise abenteuerliche Budgets aufgestellt – die wiederum schon während der Spielzeit platzen, wenn mangels sportlichem Erfolg die Zuschauer fernbleiben. Diese Effekte, die sich noch nicht vollständig eingestellt haben, werden zu einer scharfen Trennung zwischen dem Fußball der obersten drei Ligen und alle darunter befindlichen führen. Nur die insgesamt 56 Vereine der Bundesligen werden weiterhin wie Wirtschaftsbetriebe arbeiten können, der Rest – besonders die Clubs, die zurzeit noch in einer Regionalligen spielen, aber auf die vierte Ebene absteigen werden – wird in wirtschaftlicher Hinsicht auf das Niveau der jetzigen Verbands- und Landesligen sinken oder sich gleich ganz auflösen.
Für den Fußballfreund bedeutet das einen schweren Verlust, denn in den letzten Jahren hat gerade der Viertligafußball der Oberligen zum guten alten Fußball zurückgefunden. Da spielen richtige Sportvereine auf richtigen Fußballplätzen gegeneinander, während die Zuschauer ihren Spaß haben, lecker Bratwurst essen und Bier trinken und es sich gut gehen lassen. Diese Art Sonntagsvergnügen wird es vermutlich nur noch eine Liga weiter unten geben. Denn schon sind die Verbände dabei, Ansprüche an die Vereine der neuen Oberligen. Für die kommende NRW-Liga lesen sich die Vorschriften so: Mindestens Platz für 3.000 Zuschauer, ausreichend viele Parkplätze, Zaun zwischen Spielfeld und Zuschauern, Fangnetze hinter den Toren, abgetrennter Gästeblock mit separatem Zugang, abgeschirmter Zugang aufs Feld (Spielertunnel) für die Spieler sowie ein VIP-Bereich.
Was das in der Realität bedeutet, kann man am Fall der Düsseldorfer TuRU sehen. Da hat ein lokaler Traditionsverein es mit Hilfe eines Mäzenen tatsächlich bis in die Oberliga Nordrhein geschafft. Da hat dieser Verein einen der schönsten Fußballplätze weit und breit; ein Stadion für knapp 8.000 Zuschauer mit einer nostalgischen Tribüne, Rasenwällen und Steinstufen für die Zuschauer sowie eine wirklich liebevolle Gastronomie. Zu den Spielen der TuRU erscheinen zwischen 300 und 2.000 Zuschauer – und alles hat seine schöne Ordnung. Da die TuRU sich mit großer Wahrscheinlichkeit für die NRW-Liga qualifizieren wird, muss der schnucklige Fußballplatz, der sich seit den fünfziger Jahren (als ich dort mit vier oder fünf Jahren mein allererstes Fußballspiel im Rahmen des legendären TuRU-Pfingstturniers sah…) also mit Gittern verschandelt werden und irgendwo ein VIP-Zelt bekommen. Das kostet Geld. Und obwohl der Platz als Bezirkssportanlage der Stadt gehört, wird der Verein wohl zwischen 500.000 und 800.000 Euro investieren müssen – die dann für den Spielbetrieb fehlen.
[Fortsetzung folgt]
(Bild: Kurt Michel via pixelio.de)

