gesachtes vom 07.04.2008

Martin Walser: Der Augenblick der Liebe

Martin Walser - Der Augenblick der Liebe
Oh je, der Walser! Manchmal ist es furchtbar anstrengend, einen Roman des alten Sturkopfs vom Bodensee zu lesen. Zum Beispiel diesen. Die Story ist so kompliziert wie altersgeil (…ein Begriff, der im Text ironisch thematisiert wird). Ein Privatgelehrter verliebt sich in eine Doktorandin, die in den USA lebt. Die ist jünger als die Tochter des Mannes, der Altersunterschied liegt bei über 40 Jahren. Die junge Frau ist nach einer Begegnung hin und weg. Per Briefwechsel und Telefonmarathons geilen sich die beiden heftig aneinander auf, und als der Gelehrte dann zu einem Kongress in Kalifornien anreist, wird gevögelt, dass die Schwarte kracht. Wie jeder alte Sack lässt Walser den Protagonisten stellvertretend über die magische Potenz des Alters verfügen. Ansonsten wird in der Phase, da die beiden fernmündlich (…ein weiterer Begriff, der ständig benutzt wird) und brieflich kommunizieren, fortwährend salbadert. Also: Der Autor lässt salbadern. Das ist öde. Später kommt ein bisschen Fahrt auf, da wird auch die Gattin des Gelehrten zur profilierten Figur, und am Ende finden der Sack und seine Ernährerin wieder zusammen.
Ursache für das erste Treffen von Sack und Studentin ist der Philosoph Julien Offray de La Mettrie, über den der Privatgelehrte ein paar Aufsätze produziert hat, während die junge Frau zum Thema “Rezeption La Mettries in Deutschland” promoviert. Ohne zumindest Sekundärliteratur über den französischen Materialisten konsumiert zu haben, kann man das eigentliche Thema dieses Romans schlichtweg nicht verstehen. Wenn so aber viele Leser dazu animiert werden, sich mit La Mettrie zu befassen, dann hat Walsers Roman immerhin Reklame für einen wichtigen, unterschätzten und oft missverstandenen Philosophen gemacht. Und das wäre dann auch schon was.


[ von Rainersacht um 06:18 in literatüren ] [ 02785 x gelesen ] [ dazugesachtes nicht möglich ] [  ]

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