
Im Grunde gibt es nur zwei Erklärungsmöglichkeiten für die Vorgänge, die am Samstag zu einer Unterbrechung des Bundesligaspiels zwischen der Eintracht aus Krankfurt und dem 1.FC Nürnberg geführt haben. Entweder es handelte sich bei den Bengalowerfern um Leute, die den Widerstand gegen den Kommerzfußball in die Erstligaarenen tragen wollen. Oder die kartellhaft verbandelten Kommerzorganisationen DFB und DFL arbeiten inzwischen mit bezahlten Provokateuren. An letzteres mag man nicht einmal glauben, wenn man von den Taten und Sprüchen der Fußballmafia fortdauernd angewidert ist. Tatsächlich aber spielen die Typen, die Was-auch-immer durch das Werfen von Feuerwerkskörpern und Seenotrettungsfackeln ausdrücken wollen, den Kräften in die Karten, die im Sinne der Renditemaximierung aus dem Fußball ein leicht konsumierbares Family-Entertainment machen wollen. Dass dies das kaum verschleierte Ansinnen des Ligaverbands DFL ist, lässt sich durch die Lektüre zahlreicher Verlautbarungen belegen. Dass derlei Treiben vom DFB, von der UEFA und besonders von der verkommenen FIFA gedeckt und gefördert wird, ist ebenfalls nachweisbar.
Wenn also irgendwelche Kapuzen tragenden Testosteronbömbchen durch bewusste Verstöße gegen die Standionordnungen Widerstand gegen den Kommerzfußball zeigen wollen, dann liegen sie leider vollkommen falsch. Wobei die Grenze zwischen der ungewollten Unterstützung der DFL-Politik und ebendiesem Widerstand dünn, aber beschreibbar ist. Bengalos und Rauchtöpfe im Block zu zünden, wird zwar von den verblödeten Medienvertretern gern mit Vokabeln wie “Ausschreitungen”, “Krawalle” oder “Randale” etikettiert, sind aber ein Teil der Fußballkultur wie sie sich weltweit in den letzten zwanzig Jahren ausgebildet hat. Feuerwerkskörper aufs Spielfeld zu werfen oder in gegenerische Blöcke zu schießen, ist einfach nur kriminell, weil dabei Verletzungen von Spielern und Zuschauern in Kauf genommen werden.
Immer wieder wird das Argument ins Feld geführt, Pyrotechnik sei an und für sich gefährlich. Die Statistik spricht eine andere Sprache. Selbst ausführliche Recherchen ergeben nicht, dass das Abbrennen von Fackeln und Rauchpulver im Block eine nennenswerte Anzahl Verletzter nach sich gezogen hat. Auch der immer gern zitierte Asthmatiker, der durch Rauch einen lebensbedrohlichen Anfall bekommt, ist eher eine Legende. Wer sich in der Kurve aufhält, in der derlei Brandwerk gezündet wird, weiß in der Regel, wie er sich zu verhalten hat, um eventuellem Schaden zu entgehen. Anders sieht es – auch statistisch – ganz generell mit geworfenen Gegenständen aus. Es finden sich zahlreiche Berichte über durch Wurfgeschosse verletzte Ordner, Polizisten, Spieler und Schiedsrichter. Noch einmal: Werfen von Sachen auf den Rasen oder in die Blöcke ist nicht tolerierbar.
Pyrotechnik in der Kurve ist aber noch lange keine Ausschreitung. In den südeuropäischen Stadien gehören bengalische Lichter zum tolerierten Ritual der Ultras. Man sorgt vor, indem vor der Kurve Ordner postiert sind, die kontrolliert entsorgte Bengalos in sandgefüllten Eimern unschädlich machen. Kein Problem für niemanden. Deutsche Spochtrepochter – dieselben Individuen, die derlei Tun hierzulande gleich als Randale bezeichnen – schwärmen angesichts leuchtender Kurven von der tollen Atmosphäre. Tatsächlich ist in Italien, Kroatien und auch Griechenland das Zündeln derart ritualisiert, dass regelmäßige Heimspielzuschauer genau wissen, wo sie sich im Block aufzuhalten haben, wenn sie ungern die Dämpfe einatmen.
In Deutschland – das in diesem Punkte von den Funktionären lieber in die feuerfreie, britische Supporter-Tradition gedrängt werden soll – wird seit Jahren massiv Propaganda gegen die Rituale der Kurven betrieben. Gerade die Medienvertreter zelebrieren ein ums andere Mal das Märchen vom Vater und seinen Kindern, denen so etwas nicht zugemutet werden soll. Fragt man aber die Betroffenen Eltern, dann sind es nicht die Bengalos, die bei Kindern einen Schock auslösen, sondern eher die Bilder von martialisch gerüsteten Polizisten (”Ninja Turtles”), die sich durch einen Zuschauerblock prügeln, um so das Abbrennen von Pyroteilen zu verhindern.
Reden wir aber auch von wirklichen Ausschreitungen, Krawallen und von Randale. Dies findet kaum noch in europäischen Stadien statt. Und das ist auch sehr gut so. Meiner Tochter wurde der Fußball im Alter von elf Jahren final verleidet, als sie wirklich blutige Schlägereien zwischen Düsseldorfer und Kölnern während eines Spiels aus nächster Nähe im Nachbarblock sehen musste. Boxereien zählen definitiv nicht zu den tolerierbaren Ritualen der Kurve. Mittlerweile sind gerade in den moderneren Stadien die Sicherheitsmaßnahmen auch so gestaltet, dass es praktisch unmöglich ist, dass sich gegnerische Anhängerscharen vor, während und nach dem Spiel körperlich auseinandersetzen können. Dass dabei mitunter gerade die Persönlichkeitsrechte der Fans einer Gastmannschaft von den Ordnungskräften mit Füßen getreten werden, steht auf einem anderen Blatt und ist sehr eng mit dem Selbstverständnis eines Großteils der Polizisten verbunden. Neuralgische Punkte sind in der Regel die Bahnhöfe, wo selbst massivstes Polizeiaufgebot Begegnungen zwischen verfeindeten Gruppen nicht vollständig verhindern kann. Jeder Auswärtsfahrer weiß, dass er sich von potenziellen Konfliktorten fernhalten kann, wenn er das will. Und daraus, dass sich ein paar Männchen zwischen zwölf und zweiundzwanzig gegenseitig aufs Maul hauen, ist wenig einzuwenden, so lange Menschen, die nicht zu dieser Zielgruppe zählen, unbehelligt bleiben.
Viele Berichte belegen, dass es beinahe IMMER die Polizisten sind, die diese Trennung zwischen Schlagbereiten und Prügelunwilligen nicht anerkennen und gern mal auf Unbeteiligte einknüppeln. Überhaupt hat die Methode, immer mehr Polizeipräsenz zu zeigen, nirgendwo zu einer Deeskalation geführt. Im Gegenteil: Wenn anreisende Fans am Bahnhof in Empfang genommen werden wie eine Herde Vieh, dann im Stile eines Gefangenentransports ins Stadion geschubst werden, wo sie dann – von zig Kameras beobachtet – in engen Käfigen zusammengequetscht werden, dann darf sich niemand über die Wut auf die Ordnungshüter wundern, die – je nach Hormonlage – schonmal in aktive Aggression umschlägt.
Diese prophylaktische Kriminalisierung von Auswärtsfahrern wird die DFL mit expliziter Rückendeckung durch den DFB jetzt auch für die kommenden Regionalligen (Ligaebene 4) zementieren. Zu den Auflagen für die Spielorte gehört die Forderung, dass in jedem Viertligastadion ein solcher Käfig für Auswärtsfans zu errichten ist.
Sollten die Vorfälle vom Samstag und vom 22. Februar (VfB Stuttgart gegen den KSC) einen Trend beschreiben, dann ist mit einer Eskalation bei den Spielen der ersten und zweiten Liga zu rechnen. Den Auftakt könnte schon die Begegnung zwischen der Bauernschaft M’Gladbach und dem Äff-Zeh K*** am kommenden Montag machen. Hier haben interessierte Kräfte schon im Vorfeld für eine potenzielle Eskalation gesorgt. Unter mysteriösen Umständen gelang es ein paar Burschen, die Zaunfahne der MG-Ultras aus dem Fanraum im Borussen-Park zu stellen, woraufhin sich die Ultras MG aufgelöst haben. Vieles deutet daraufhin, dass es sich bei den Dieben um Äff-Zeh-Anhänger handelte, sodass die Wahrscheinlichkeit, dass es vor und nach dem Spiel, aber auch – wie Leute, die es wissen sollten, mutmaßen – während der Partie zu versuchten Angriffen der Gladbacher Bauern auf die K***er kommen könnte. Wenn dergleichen passiert, wird es langjährige Stadionverbote hageln, was wiederum den Zielen der DFL und des DFB sehr entgegen kommt.
Die Ultras, also die Intensivfans, die gegen den modernen Fußball sind, geraten zunehmend in eine Zwickmühle. Je öfter es zum Werfen von Pyrozeug kommt, desto stärker werden sie als Krawallmacher denunziert. Je stärker sie so bezeichnet werden, desto stärker werden ihre Aktivitäten eingeschränkt werden, was bei vielen Personen dieser Gruppen zu gesteigerter Aggression führen wird. Vermutlich besteht die einzige Chance in der Hoffnung auf die Selbstreinigungskräfte der Kurve, die Typen, die sich nicht an die internen Vereinbarungen halten, schnell ausschließt. Ob die taktische Anpassung so weit gehen sollte, auch auf kontrolliertes Abbrennen von Pyrotechnik zu verzichten, weil die Vereine dafür mit hohen Strafen belegt werden, bleibt offen. Gut beraten wären die diversen Ultra-Gruppen aber, eine offensive Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben und dabei aktiv auf Journalisten zuzugehen und diese nicht als Feinde zu betrachten.


[...] Widerstand gegen Kommerzfußball [...]
[ pingback von Rainer sacht » Bellstedt blubbert am 07.04.2008 um 15:15 ]